Schlagwort-Archive: Osterstrasse

Und die Großen lässt man laufen – von Blümchen, Diesel und Verkehrswende von unten

_MG_2190
Neue Osterstraße: Vorne voll öko, dahinter geht so.

„Auch künftig wird mit jedem Fahrzeug jedes Ziel in der Stadt erreichbar sein“ – unter diesem Motto aus düstersten Zeiten der autogerechten Stadt hat Hamburg kürzlich den neuen Luftreinhalteplan vorgestellt „Senat legt neuen Luftreinhalteplan vor“, hamburg.de, 2. Mai 2017 [http://www.hamburg.de/pressearchiv-fhh/8675696/2017-04-26-bue-luftreinhalteplan/]. Mit diesem Plan hat unsere Stadt mal wieder unter Beweis gestellt, dass sie nichts verstanden hat. Nichts von der „active mobility“, der Förderung von günstigem und umweltfreundlichen Fuß- und Radverkehr, nichts von einer nachhaltigen Entwicklung im Verkehrsbereich, nichts vom Schutz der eigenen Bevölkerung vor Lärm, Abgasen, Gefahren im Straßenverkehr und restlos zugeparkten Straßen. Stattdessen wurde in den Behörden offenbar gerechnet bis zum Umfallen und heraus kommt eine Aneinanderreihung von lauter Dingen, die alle nicht wirklich neu sind und die für sich genommen auch nicht unbedingt schlecht sind. Das Problem ist – es ist zu wenig. Interessant ist dagegen, was natürlich alles nicht kommt: Keine generellen Fahrverbote für dreckige Dieselautos, keine Umweltzone, kein reguläres Tempo 30. Dafür soll es in zwei Abschnitten auf der Max Brauer Allee und der Stresemannstraße von wenigen hundert Metern Länge Fahrverbote für Diesel-PKWs und LKWs geben, die nicht die neueste Abgasklasse 6 erfüllen. Natürlich sind Anlieger und Lieferverkehr ausgenommen. Wie unser roter Bürgermeister und sein grüner Umweltsenator sich die Durchsetzung in der Praxis vorstellen, bleibt vorerst ein Geheimnis. Und wenn schon, fährt der Stink-Diesel halt in der Parallelstraße am kleinen „Hindernis“ vorbei. So einen Plan zu präsentieren und ihn dazu noch Luftreinhalteplan zu nennen, ist nur noch erbärmlich.

38.000 Menschen weltweit sterben jedes Jahr, weil Diesel-Abgaswerte nicht eingehalten werden, wie eine aktuelle Studie zeigt „107.000 Tote durch Dieselabgase“, MDR Wissen, 15. Mai 2017 [http://www.mdr.de/wissen/umwelt/diesel-stickoxide-toeten-menschen100.html]. Leidtragende sind dabei besonders Kinder, weshalb Greenpeace vor diversen Schulen auch in Hamburg Messungen durchführte „Dreck macht Schule“, Greepeace, 26. April 2017 [http://www.greenpeace.de/node/16780/feed.xml]. Das weiß wohl auch Hamburgs grüner Umweltsenator Jens Kerstan. Dadurch, dass er einen Luftreinhalteplan vorlegt, der eher ein schlechter Witz ist, muss die Frage erlaubt sein, wer letztlich alles die Verantwortung trägt für Gesundheitsschäden auf Grund von dreckiger Luft in Hamburg. Die Schuld allein auf andere (Autohersteller, Reedereien,…) abzuschieben wird damit immer schwieriger. Eine Wiederwahl womöglich auch. Es wäre eine gute letzte Chance gewesen, endlich die Reißleine zu ziehen. Stattdessen lässt Kerstan durchblicken, dass er offenbar selbst nicht so ganz richtig glaubt, was er da an Maßnahmen vorlegt. „Senat will Luft verbessern“, taz hamburg, 2. Mai 2015 [https://www.taz.de/Archiv-Suche/!5402103&s=luftreinhalteplan+hamburg/]. Glaubt er wirklich, so ein guter Umweltsenator sein zu können?

Dabei wissen alle, dass öffentlicher Raum und Platz ein endliches Gut ist. Wenn Hamburg weiter wächst und damit auch der Verkehr, braucht es neue Konzepte. Sie werden aber nur dann wirksam sein, wenn Prioritäten gesetzt werden. Wenn man von dem Einen nimmt und dem Anderen gibt. Wenn man eine Vision davon hat, was man eines bestimmten Tages erreicht haben möchte. Wenn man einen Plan hat. Unser Senat hat ihn jedenfalls nicht.

Kürzlich hatte ich ein nettes Gespräch mit einem Stadtentwickler. Wir kamen dabei auf München zu sprechen. Die Bayernmetropole hat schon längst begriffen, dass sie ganz schnöde eine Menge Geld sparen kann, indem sie auf’s Fahrrad setzt. Man merkt es auch, wenn man mit offenen Augen und vor allem auch Ohren dort unterwegs ist. Langsam kommt auch in Deutschland Bewegung in die Sache und neue Studien bringen es nun auch hierzulande zu Tage: Radverkehr ist günstig, „Kommunale Kostenrechnung: Investitionen in Radverkehr für Städte am günstigsten“ [https://www.uni-kassel.de/uni/nc/universitaet/nachrichten/article/kommunale-kostenrechnung-investitionen-in-radverkehr-fuer-staedte-am-guenstigsten.html].

Während bei uns auf der Ecke nun auch der Umbau des Straßenraumes zwischen der Osterstraße und dem Stellinger Weg sowie der Eichenstraße in vollen Gange ist und die Baustelle auf der Osterstraße selbst nach gut zwei Jahren langsam Richtung Zielgerade geht und sich zu großen Teilen Althergebrachtes neu in Asphalt manifestiert, hat München „mal eben“ eine weitere Fußgängerzone in der City eingerichtet. Versuchsweise, für ein Jahr. „Sendlinger Straße komplett autofrei“, gesehen am 15. Mai 2017, [http://www.muenchen.de/aktuell/2016-06/verkehrsversuch-sendlinger-strasse-beginnt.html] Schilder aufstellen, ein paar provisorische Bänke, Blumenkübel aber auch das Durchsetzen des Versuchs scheinen auf ein überwiegend positives Echo zu fallen. Vor zwei Wochen hatte ich die Gelegenheit, durch diese Straße zu laufen. Obwohl es diverse Läden und Geschäfte, Einfahrten zu Privatgrundstücken und Hinterhöfen, Gewerbe- und Arzthäuser gibt, ist kein Auto unterwegs. Dafür aber Fußgänger, wohin man sieht. Mich würde es sehr wundern, sollte sich die Osterstraße in Sachen Gewerbe / Einzelhandel und AnwohnerInnen mit dieser Straße in München nicht vergleichen lassen können. Während die Autostadt München (BMW) Chancen nutzt, ist die Nicht-Autostadt Hamburg stark darin, Chancen zu vergeben.

Aber wir wollen ja gar nicht alles nur negativ sehen. Für Fußgänger hat sich auf der Osterstraße in der Tat vieles getan. Im Frühjahr verwandelt sie sich inzwischen in ein wahres Blumenmeer. Das ist ja schon mal was. Wild diskutiert wird dagegen noch immer, ob für Radfahrende wirklich gute Lösungen gefunden wurden. Viele sehen es nicht so. Allein im Elbe Wochenblatt sind immer wieder Beiträge zum Thema zu finden. „Osterstraße, sind Radfahrer hier sicher?“ 14.06.2016, [http://www.elbe-wochenblatt.de/eimsbuettel/lokales/osterstrasse-sind-radfahrer-hier-sicher-d41334.html]

Wir können froh sein und uns freuen, dass die ehemalige Umwelthauptstadt von Europa, unsere Stadt (2011), in der Tat Vollgas gibt, wenn es darum geht, für seine Bürgerinnen und Bürger nur das Beste zu wollen und die Verkehrswende ganz praktisch und aktiv anzugehen. „Firstmover“ – so verheißungsvoll und cool kommt daher, was Teile der Parkplatz-geplagten Stadtteile Ottensens und Eimsbüttel hätte umkrempeln sollen [http://www.firstmover.hamburg/index.html]. Ein Bündnis aus Stadt, Hochbahn und BMW wollte austesten, inwieweit BewohnerInnen bereit sind, ihr eigenes Auto gegen Carsharing-Fahrzeuge aufzugeben. Für jedes auf diese Weise abgeschaffte Auto sollte ein Parkplatz für Carsharing eingerichtet werden. Wieso die Macher dann auf die drollige Idee kommen, auf Infoflyern halb begrünte Straßen zu zeigen, erschließt sich nicht ohne Weiteres. Den gleichen Effekt schien es auf die Angesprochenen gehabt zu haben – nämlich fast Null. 9 „Autohaushalte“ in Ottensen und nur 6 in Eimsbüttel wären u.U. bereit gewesen, ihren eigenen PKW abzugeben. Erfolg geht anders. „Modellversuch: Nur wenige Hamburger wollen eigenes Auto abschaffen“, Nahverkehr Hamburg, 21. März 2017 [http://www.nahverkehrhamburg.de/modellversuch-nur-wenige-hamburger-wollen-eigenes-auto-abschaffen-7982/]. Blöd, dass mit diesem Angebot des Carsharings nur eine freeflow Variante vorgesehen war. Doch wer hat schon Lust, genau dann, wenn ein Auto gebraucht wird, darauf zu hoffen, dass dieses dann auch tatsächlich in unmittelbarer Nähe zur Verfügung steht? Mit der Abschaffung des eigenen Autos sollte zudem der Luxus verbunden sein, auf lästige Parkplatzsuche verzichten zu können und stattdessen auf einen garantierten Abstellplatz eines stationären Anbieters zählen zu können. Nur „Smart City“-Lösungen anzubieten, bringt es eben nicht. Das seien letztlich ohnehin nur „Gimmicks“, mit denen Industrie und Dienstleistung vor allem Geld verdienen wollen, weshalb der dänische Star der Stadtentwicklerszene Jan Gehl in „Smart Cities“ vor allem eines sieht: Humbug. „Die Leute wollen Gesellschaft“ – taz, 9. Mai 2017 [https://www.taz.de/Archiv-Suche/!5403802/] Schön zu sehen ist dieser „Humbug“ auch in einer neuen Kooperation zwischen Telekom und Hamburg, die 11.000 Parkplätze vernetzen möchte, um Autos direkt zu freien Parkplätzen zu navigieren. Wenn das mal gut geht. „Hamburg macht Parken einfach – mit der Telekom freie Parkplätze finden, buchen und bezahlen“, Telekom, 19. März 2017 [https://www.telekom.com/de/medien/medieninformationen/detail/hamburg-macht-parken-einfach-488342].

Total smart kommt auch eine ganz andere Sache daher, die heiß diskutiert wird – der Elbstrandradweg am Ufer Övelgönnes. Dass dabei nicht nur ein weiteres leicht rauhes und authentisches Fleckchen Hamburgs zerschnitten wird, scheint ebenso wenig zu stören wie die Tatsache, dass auch dieser Weg in jeder höher auflaufenden Flut in den Wellen versinken wird. Man darf gespannt sein, was als nächstes kommt.

Wirklich rocken tun die Verkehrswende andere. Oslo verbannt ab 2019 den individuellen Verkehr aus der gesamten Innenstadt und wird dort alle Parkplätze abbauen. Schon länger wurde das wirklich ambitionierte Projekt angekündigt, jetzt wird es ernst. „Oslo – Journey to car-free“, Video, [https://vimeo.com/212846367]. Ein Dieselfahrverbot an Tagen, an denen diese Maßnahme geboten scheint, gibt es natürlich auch längst. Stockholm hat sich entschieden, ähnliche Wege einzuschlagen „Stockholm Is Coming for Oslo’s Car-Free Crown“, Citylab, 12. Mai 2017 [https://www.citylab.com/design/2017/05/stockholm-pedestrian-downtown-plans-oslo/526464/].

Klar ist, dass nur eines zählt: Jeder einzelne qm², der dem Autoverkehr genommen und umgewidmet wird für gute Rad- und Fußwege, für Grünflächen, neue Plätze oder sinnvolles Carsharing, hilft, diesen zu senken. Mit dem Sinken des Verkehrs kann dem enormen und verschwenderischen Verbrauch der Ressource „Raum“ Einhalt geboten und entgegengewirkt werden. Nur so lassen sich zudem die schädlichen Emissionen eindämmen, die nicht nur noch immer für 16% aller Emissionen in diesem Land stehen, sondern die sich offenbar im Gegensatz zu allen anderen Bereichen einfach nicht reduzieren lassen. SUV und Co sei Dank. Bleibt ein radikaler Einspar-Effekt aber aus, war’s das mit dem 1,5° Ziel des Pariser Klimaabkommens. Derzeit steuert die Welt eher auf einem 2,6° bis 3,2° Pfad dem buchstäblichen Untergang entgegen. Vielen Inselstaaten reicht es dafür nämlich schon, wenn 1,5° länger überschritten werden.  „Emissionsquellen“, Umweltbundesamt, 10. Januar 2016 [https://www.umweltbundesamt.de/themen/klima-energie/klimaschutz-energiepolitik-in-deutschland/treibhausgas-emissionen/emissionsquellen#textpart-1] sowie „1,5-Grad-Ziel gerät außer Reichweite“, Klimaretter-Info, 1. Juli 2016 [http://www.klimaretter.info/forschung/hintergrund/21498-1-5-grad-ziel-geraet-ausser-reichweite]

„Künftig wird mit jedem Fahrrad jedes Ziel in der Stadt erreichbar sein – sicher, entspannt und bequem“ – so in etwa müsste es eigentlich heißen. Und weil von der Politik nicht viel zu erwarten ist, machen es die Leute eben selbst. In diesem Frühjahr tut sich mehr denn je in der Stadt. Wenn sich sonst nichts bewegt, drehen wir erst richtig auf.

Berlin hat den „Volksentscheid Fahrrad“ – in der Hansestadt bildet sich nun der „Radentscheid Hamburg“. Nach Berliner Vorbild soll dabei womöglich ein Fahrrad-Gesetz erarbeitet werden und zur Volksabstimmung gebracht werden, um den PolitikerInnen Beine zu machen. Klar, dass auch ich mich in dieser Gruppe engagiere, denn die Ziele sind identisch. JedeR, die oder der Lust hat, kann sich gerne beteiligen. Mehr Infos gibt es dazu auf der Facebookseite https://www.facebook.com/raHHdentscheid/, auf twitter https://twitter.com/raHHdentscheid oder auch bei mir mailto:kursfahrradstadt@hamburg.de

Doch es dreht sich noch mehr:
#Dreh Deine Stadt“ veranstaltete am 13. Mai im Centro Sociale ein Barcamp für Mobilität und lebenswerte Städte. Ausrichter waren der Volksentscheid Fahrrad Berlin, das Netzwerk Lebenswerte Stadt e.V. / Changing Cities und die Radentscheid Hamburg Initiative. Erstaunlich gut war die tagesfüllende Veranstaltung besucht und die Berliner vom Netzwerk Volksentscheid Fahrrad, die zahlreich gekommen waren, wussten, wie sie Begeisterung für’s Thema entfachen konnten. In über 20 Sessions wurde vorgestellt, diskutiert und angeregt. Von „wie baue ich ein Feinstaub-Messgerät“ bis zu „Politik tötet“ war alles dabei.

Einen Tag später fand am Sonntag am gleichen Ort der erste offizielle Auftakt zum „Radentscheid Hamburg“ statt. Eine weitere derartige Veranstaltung ist auch noch für den 28. Mai, 13 Uhr im Centro Sociale (U-Bahn Feldstraße) geplant.

Unterstützung gab es auch aus einer ganz anderen Ecke. Der NDR brachte die Doku „Der Fahrradkrieg – Kampf um die Straßen“ am 24. April 2017 ins Fernsehen, 45 min [http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/45_min/Der-Fahrradkrieg-Kampf-um-die-Strassen,sendung631726.html]. Wer sie noch nicht gesehen hat, sollte es am besten nachholen – der Film ist nicht nur sehr interessant, er bringt auch schonungslos die Hamburger Defizite und grotesken Peinlichkeiten ans Tageslicht und entlarvt die „Fahrradstadt Hamburg“ als eine Stadt, die es gar nicht so ernst meint mit ihren radelnden BewohnerInnen.

Mit seiner Petition „Weniger Autos – mehr Lebensqualität“ hat Fabian Hanneforth, ebenfalls Mitstreiter beim Radentscheid Hamburg, es geschafft, unser Thema in den letzten Tagen wieder in die Medien zu bringen.[https://www.change.org/p/machen-sie-alle-öffentlichen-parkplätze-kostenpflichtig-weniger-autos-mehr-lebensqualität]. 2.310 Leute haben gegen kostenlose Parkplätze schon unterzeichnet.

Und, last but not least, natürlich auch die von mir gestartete Aktion KURS FAHRRADSTADT gehört in diese Reihe. Sie hat gerade den Sprung über die 1.300er Marke geschafft – leider noch immer ohne Unterstützung durch die Medien. Nicht nur meine, auch die Ideen, der Einsatz und die Hilfe anderer haben all dieses auf die Beine gestellt. Helft bitte wenn es geht mit, diese Aktion weiter bekannt zu machen. Deshalb zuletzt noch einmal die Bitte, euren Freunden, KollegInnen und Bekannten vielleicht den Tipp zu geben, doch einmal bei KURS FAHRRADSTADT vorbeizuschauen und ebenfalls zu unterzeichnen. Und auch: Wer Lust hat, mich und diese Aktion zu unterstützen, möge sich einfach und unkompliziert gerne bei mir melden: mailto:kursfahrradstadt@hamburg.de.

Jede einzelne dieser Aktionen ist ein wichtiger Baustein für eine bessere, lebenswertere Zukunft in dieser Stadt. Zusammengenommen braut sich endlich auch in Hamburg etwas zusammen, was durchaus das Zeug hat, auch unsere Stadt gehörig aufzuwirbeln und frischen Wind fürs Rad, für Fußgänger, für saubere Luft, weniger Autoverkehr und mehr Freiheit und Lebensfreude zu bringen.

flyer_buskuscheln
Muss das wirklich sein? @spdhh @OlafScholz @GRUENE_Hamburg @DHLPaket @hochbahn @HH_BWVI @GPurtul @wegeheld @raHHdentscheid @adfc_Hamburg                                                       Tweet KURS FAHRRADSTAT vom 11. Mai 2017
Advertisements

Hm, und nun?!?

_MG_6351
Gleich geht’s ganz auf den „Radweg“ – also – der Bus ist gemeint

Gerade eben an der Bushalte U-Bahn Osterstraße erlebt: Ich warte auf den Bus, er kommt und weiter hinter ihm folgen einige Radfahrende auf dem neuen Schutzstreifen. Der Vierer fährt ran, Türen auf, ich rein und weil’s voll ist, gehe ich nach hinten durch und sehe wieder die Radfahrer, die nun bis auf wenige Meter hinter den Bus aufgefahren sind. Doof nur, dass nun der Bus, der noch längst nicht fertig ist, ihren „Radweg“ blockiert, denn er verläuft ab hier direkt auf der Bushaltestelle. Sie, offenbar ein etwas älteres Pärchen, beginnen nun, links am Bus vorbei zu radeln. Kaum sind sie auf Höhe der Busziehharmonika angekommen, fährt dieser an. Um kurz darauf wieder vor der noch roten Ampel anzuhalten. Die beiden Radfahrer lassen sich zurückfallen, scheren nun wieder hinter den Bus ein und möchten wieder ganz nach rechts, um zurück auf „ihren“ Schutzstreifen zu kommen. Aus irgendeinem Grund fährt der Bus doch nochmal einige Meter vor, um abermals wieder abrupt zu bremsen. Während der Mann auf dem Rad wieder auf dem Schutzstreifen ist, wäre die Frau bei dieser Aktion beinahe an die hintere rechte Busecke gerasselt. Alles nochmal gut gegangen, die beiden schauen sich fragend und leicht verwirrt ob der Situation an, dann setzen alle ihre Fahrt fort.

 
Ich finde, das Verhalten der Radfahrer entspricht eigentlich dem ganz normalen Menschenverstand. Parkt oder hält etwas auf meinen Wegen, fahre ich, wenn es geht, daran vorbei. Mal angenommen, die Radfahrer wären noch einige Meter weiter gekommen, der Bus fährt parallel ab, dann stehen die Radler gleich links vom Bus an der Haltelinie – mitten auf der Kreuzung und weit ab vom Schutzstreifen.
 
Radwege direkt über Bushaltestellen zu führen ist doch Mist! Leider wird dieses Vorgehen immer mehr in Hamburg eingeführt, schön zu sehen auch an der Kreuzung Osterstraße/Schulweg auf dem Ring2. Hört bitte auf mit diesen undurchdachten Fahrrad-Lösungen, die alles sind, nur eines nicht: Sicher. Gebt den Bussen, was Busse brauchen – und den Rädern, was Räder brauchen. Aber richtig!
 
Ein Grund mehr, jetzt KURS FAHRRADSTADT gut zu finden und auf change.org zu unterzeichnen.

Neues aus der Fahrradstadt

flyer_finde_radweg-001
Ganz neu und mehr City geht nicht mehr. Trotzdem vergisst die „Fahrradstadt Hamburg“ sogar hier den Radweg. Nur gepennt? Oder sogar Sabotage?

Heute morgen, mein Blick geht ins Abendblatt, sehe ich schon auf der Titelseite, dass die GRÜNEN (Bezirk Nord) die Bürger ermutigen wollen, die Stadt zu verklagen, weil diese außer bis in alle Ewigkeit irgendwelche Pläne zu erarbeiten bisher nichts, absolut gar nichts unternimmt, den Kampf gegen die Luftverschmutzung endlich anzugehen. [„Grüne ermutigen Bürger: Klagt gegen schlechte Luft!“, Hamburger Abendblatt, 27. Oktober 2016 (googlen)] Das ist eigentlich eine gute Sache, das Problem ist nur, dass es da diese andere Kleinigkeit gibt. Die Stadt klagt nämlich gegen ein Urteil, das mahnt, zügig einen Luftreinhalteplan vorzulegen [„Senat ficht Urteil zum Luftreinhalteplan an“ Zeit Online, 4. August 2016]. „Die Stadt“ – das ist rot-GRÜN.

Wie arm ist das denn?! Wenn ich als GRÜNE Partei aus Koalitionsfriedensgründen gegen ein solches Urteil klage, welches übrigens der Bund für UMWELT- und NATURSCHUTZ Deutschland erwirkt hat, dann verbietet es sich schlicht, andere, wahrscheinlich sogar am besten die eigenen GRÜNEN-Wähler, die Drecksarbeit machen zu lassen, indem diese nun wieder gegen die Stadt (also gegen rot-GRÜN) klagen sollen. Ich habe diese GRÜNEN natürlich gleich mal darauf angesprochen:

tja, das ist eben 1 komplexer Prozess. Darum die Veranstaltung. Komm doch vorbei+diskutier mit:

Da gibt’s nix komplexes! Was ihr da macht, ist einfach krank. Und Verarsche. Sorry.

Es ist komplex, lasst uns diskutieren – soso. Das nennt man wahrscheinlich auch gleich die neue Bürgerbeteiligung 3.0.. So armselig zu scheitern und dann noch auf solche spitzfindigen Ideen zu kommen. Interessanter Ansatz. Und mit diesen Leuten soll Hamburg nun Fahrradstadt  werden?!

Und das, wo es ohnehin wieder gefährlicher geworden ist, auf hanseatischen Straßen als Radfahrer oder Fußgänger unterwegs zu sein? Entgegen fast allen anderen Bundesländern, in denen der Trend in eine andere, eine bessere Richtung zeigt? Das ist leider kein Witz, wie ganz aktuelle Zahlen es eindrucksvoll unter die Augen reiben. Allein vor wenigen Tagen gab es in Hamburg eine Serie heftigster und tödlicher Unfälle, die sicher den meisten Hamburgern, denen ihre Stadt nicht restlos egal ist, noch gut in Erinnerung sein müsste und die in den neuesten Zahlen nicht einmal enthalten sind. Traurig. Weit entfernt von „Vision Zero“. Alltag auf Hamburgs Straßen. #RadSkandal. [„Gegen Bundestrend: Zahl der Verkehrstoten in Hamburg nimmt wieder zu“, NahverkehrHAMBURG, 25. Oktober 2016] Dass so ganz nebenbei auch die Luft nicht besser wird – Stichwort Abgasskandal -, zeigt schonungslos die neue 44 minütige Doku „Das Märchen vom sauberen Auto“ des SWR. Auch wenn die Hauptfigur einen leicht naiven Eindruck macht – das Drumherum ist top. So lernen wir, dass auch die Bundesregierung schon vorher Bescheid wusste – und bis heute untätig bleibt.

Mit den GRÜNEN, die im Wahlkampf außer dem Wörtchen „Fahrradstadt“ nicht viel sagen konnten, die leider nicht das Verkehrsressort bekommen haben, nur eine Fahrradkoordinatorin installieren konnten, welche den Radverkehr (man höre und staune!) mitdenken will, soll nun alles besser werden. GRÜNE, die nun mitverantwortlich sind für vieles, was einfach nur noch Murks ist:
Schrägparkplätze an der neu gestalteten Fuhlsbütteler Straße hinter Schutzstreifen, teilweise keine Schutzstreifen mehr in der neuen Osterstraße, erst recht nicht, wenn man bald aus dem umgebauten Kreisel am Klosterstern in die abzweigenden Straßen abbiegen möchte oder eben, auch ganz neu, wie am Großen Burstah, mitten in der City, wo man den Radweg der einfachheithalber gleich ganz vergessen hat. Oder Fahrradstraßen, auf denen gefühlt alle 100 Meter angehalten werden muss (Uferstraße). Oder, oder, oder.

Dabei gibt es natürlich viel zu tun, wie es auch eine GRÜNE richtig erkannt hat. „Rausgeschmissenes Geld“ [Mopo, 19. Oktober 2016], nennt die GRÜNEN Sprecherin Julia Offen den geplanten Fahrradstraßen Umbau am Leinpfad und fordert, stattdessen lieber die Sierichstraße in Angriff zu nehmen. Da traue sich aber keiner ran. Recht hat sie. Auch die GRÜNEN trauen sich nicht und der Tweet von Julia Offen, der der Sache zugrunde liegt, wurde gelöscht. Alles klar?

Wir werden uns in den nächsten Tagen auch mit dem adfc-Hamburg Vorstand und einigen Verkehrsexperten zusammensetzen. Es geht darum, ob wir zu gemeinsamen Linien finden und sich auch der adfc Hamburg für KURS FAHRRADSTADT einsetzen kann. Da gibt es sicher sehr viele Gemeinsamkeiten. Aber auch einige Dinge, die wir ganz klar ganz anders sehen. Ein „Hauptknackpunkt“ stellt wahrscheinlich gleich unsere erste der fünf Forderungen dar, in der es heisst: Wir erwarten eine inklusive, geschützte Radwege-Infrastruktur nach besten Vorbildern“. Das passt noch nicht ganz zur Linie des Hamburger adfc’s, der nach wie vor auf das Radfahren auf der Fahrbahn setzt [„Was soll die Streifenmalerei“, adfc Hamburg, 28. 03. 2015]. Vor allem tut er es deshalb, weil es „auf dem Weg hin zu null Verkehrstoten und null Schwerverletzten (»Vision Zero«), dem eigentlichen Ziel des adfc,  größere Schritte notwendig wären – die sind aber politisch noch nicht durchsetzbar.“
Genau darum gibt es ja aber KURS FAHRRADSTADT. Weil wir nicht an das glauben, was durchsetzbar ist, sondern an das, was alles geht. Z.B. in Kopenhagen. „Wenn Sie bei einer fixen Fläche den Fahrradanteil erhöhen wollen, gibt es nur eines: Sie müssen dem Autoverkehr Raum wegnehmen“, sagt Mikael Colville-Andersen, CEO von „copenhagenize design“ im Zeit Artikel „Mach’s wie Kopenhagen“[Zeit Online, 16. 02. 2012]. Oder wie in den Staaten: Auch dort hat man gelernt, dass es eine deutliche Steigerung des Radverkehrs nur mit guten Radwegen, Bike-Lanes, gibt. 46% der der Befragten in einer Studie in Portland gaben an, dass sie viel öfter Rad fahren würden, wenn es eine physische Barriere zwischen Autos und Radfahrern gibt. [http://trec.pdx.edu/research/project/583]

In Deutschland stimmten in einer Umfrage der ZEIT Online 80% mit „Nein“ auf die schlichte Frage, ob „Sie sich sicher im Straßenverkehr fühlen“. [„Wo Radfahrer in ihrer Zone auf Grün warten“, ZEIT Online, 20. 10. 2016, am Ende des Artikels]

Vor diesem Hintergrund: Dagegen, einfach das Beste zu fordern, kann eigentlich keiner etwas haben. Auch nicht der adfc.

Neben dem Fahrradclub möchten uns auch gerne die Macher der „Fahrradsternfahrt Hamburg“ kennenlernen. Auch darüber freuen wir uns!

Es gibt noch ein paar Dinge, die erfreuen. So ist der Umbau der Osterstraße angeblich, so berichtet es der NDR, mit dem „Deutschen Verkehrsplanungspreis“ ausgezeichnet worden. Auch das Hamburger Abendblatt lässt sich nicht lumpen und macht aus einer Anerkennung einen Preis. Normal für Hamburg, wo ohnehin alles immer in Superlativen gedacht wird? Den Preis hatten aber nicht die Ingenieure  von ARGUS gewonnen, sondern die Stadt Kassel mit dem „Ausbau der Frierich-Ebert-Straße – Von der Verkehrsachse zum Boulevard“. Die Jury votierte sogar einstimmig.

Zum Schluss noch etwas richtig Schönes:
Wir haben bereits drei prominente Unterzeichner hinter KURS FAHRRADSTADT versammeln können: Prof. Dr. Alexander Bassen von der Universität Hamburg. Bassen ist Mitglied im „Rat für NACHHALTIGE Entwicklung“ der Bundesregierung. https://www.nachhaltigkeitsrat.de/der-rat/mitglieder-des-rates/prof-dr-alexander-bassen/

Schön auch, dass der Umweltwissenschaftler Mathias Lintl KURS FAHRRADSTADT unterstützt. Bekannt wurde er vor allem auch durch den Betrieb der Soulkitchenhalle 2010 – 2013 als freien Kunst – und Kulturort. Aktuell betreut er das Projekt „Refugium für urban gestresste Menschen“ in Hamburg Neuenfelde.

Gerade haben wir uns sehr gefreut, als gestern der Schauspieler und bekennende Radfahrer Peter Lohmeyer KURS FAHRRADSTADT unterzeichnet hat und nun zu unseren prominenten Unterstützern gehört. „ich unterschreibe, weil ich mich ohne große Sorgen auf mein Fahrrad schwingen möchte, immer die Nase im Wind.“ Wie engagiert sich der Schauspieler für das umweltfreundliche Verkehrsmittel einsetzt, konnten viele Hamburgerinnen und Hamburger erst kürzlich auf der ZEIT-Veranstaltung „Straßenkampf in der Hansestadt oder lassen sich Fahrrad- und Autoverkehr versöhnen“ am 5.10.2016 erleben. Dieses Jahr ist Peter Lohmeyer zudem Preisträger als die „Fahrradfreundlichste Persönlichkeit 2016“. http://www.der-deutsche-fahrradpreis.de/preistraeger/preistraeger-archiv/2016.html#c1907

Kuscheln auf der neuen Osterstraße

_MG_6351
…und da lässt du dein Kind radeln??? Oder Oma?

Nun ist zu sehen, was bisher fast niemand sehen wollte: Vom neuen „Schutzstreifen“ auf der Osterstraße bleibt de facto nicht wirklich etwas über. Zumindest nicht, wenn Autos und Busse die neuen Mittelinseln passieren. Dann wird es eng, richtig eng. 7,5 Millionen Euro wurden aus der Radförderung genommen und du bekommst – das:

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Nur etwa 5 Minuten stand ich heute Mittag an der neuen Osterstraße auf Höhe des Zugangs zum Unna Parks vor den Mittelinseln und konnte den ganzen Radler-Horror sofort bestaunen. Alles war dabei. Etwa jedes zweite Auto fuhr über die Schutzstreifen-Markierung. Das dürfen sie, sollen es aber nicht, wenn Radfahrer vor ihnen sind. Dann wird überholt – und die enge Fahrbahn keinen Zentimeter breiter.

Gestern gab es einen schweren Unfall mit einem 9 jährigen Jungen in Hamburg Horn. Genaue Umstände sind noch nicht bekannt, aber immerhin soviel: „Plötzlich tauchte der Junge mit seinem Fahrrad auf der Fahrbahn auf“.
Vor etwa zwei Wochen ereignete sich im Hofweg auf der Uhlenhorst ein heftiger Unfall, bei der eine Radfahrerin schwer verletzt wurde. Die Ursache war offenbar ein Fahrzeug, welches wegen Gegenverkehr ausgewichen ist und dabei in die Radfahrerin krachte. „Vision Zero“ (Trafikverket, Schweden) sieht anders aus.

Im Hofweg gibt es keine Schutzstreifen, von der Horner Speckenreye weiß ich es nicht. Was aber bleibt ist etwas anderes: Das, was man hier oben auf den Bildern sieht, kann es jedenfalls nicht sein.

Radeln auf der Fahrbahn schützt vor nichts – höchstens vor Platzwegnahme zuungunsten des KFZ-Verkehrs. Wann begreift Hamburg, dass die Streifenmalerei nicht den Radverkehr fördert, sondern ein Spiel mit der Unversehrtheit und dem Leben der eigenen Bürger ist?

siehe auch:
„Einladen(d)“
„Schutzstreifen“ auf „Hamburg steigt auf“

Erste Fußgängerzone in Eimsbüttel eingeweiht!

schwenckestrasse
Endlich keine Fiktion mehr – Fußgängerzone Osterstraße ist eingeweiht worden.

von Christine Stecker

Lange Zeit galt in Hamburg die Devise, dass eine Metropole große Straßen mit fließendem Verkehr braucht. Doch nun sind die Zeichen des neuen städteplanerischen Umgangs neben New York, Paris, Wien, Kopenhagen und vielen anderen Städten auch in der Hansestadt angekommen. „Wir sind besonders stolz, dass Eimsbüttel mit der Osterstraße diesen Schritt als Erstes gegangen ist und damit für Hamburg ein Leuchtturmprojekt geschaffen hat“, verkündet ein Sprecher der zuständigen Behörde. „Die Osterstraße war schon immer eine liebenswerte Einkaufsmeile mit vielen kleinen Geschäften und hat sich nun zum pulsierenden Herzen in Eimsbüttel gemausert“, heißt es weiter.

„Wir haben das Potenzial tatsächlich lange unterschätzt und uns gegen eine Verkehrsberuhigung gewehrt“, räumt ein Vertreter der Geschäftsleute in der Osterstraße ein. „Seitdem der Bereich von der Schwenckestraße bis zur Methfesselstraße für den Durchgangsverkehr komplett gesperrt ist und damit zur entspannten Flaniermeile wurde, ist der Straßenzug nicht mehr wiederzuerkennen. Früher gab es nur das etwas in die Jahre gekommene Osterstraßenfest, jetzt tragen wir u.a. jeden Herbst die Eimsbüttler Weinwochen aus und setzen damit einen tollen Akzent in Hamburg, mit dem wir neben HamburgerInnen aus vielen Stadtteilen auch zum Touristenmagnet geworden sind.“ (Anmerkung: Das traditionelle Weinfest auf dem Rathausmarkt findet seit längerem nicht mehr statt.) „Wir haben im Sommer Lesefeste, kleine Jazzkonzerte, einen regelmäßigen Ökowochenmarkt und Schlemmeraktionen. Damit sprechen wir die hier wohnende Klientel an – viele junge Leute, Familien aber auch die Älteren trauen sich wieder heraus weil man keine Angst haben muss, überfahren zu werden. Nebenbei: Die Umsätze unserer Geschäftsleute sind sprunghaft nach oben gestiegen, davon profitieren auch alle anderen Ladengeschäfte in der restlichen Osterstraße.“

Anne-Mette aus Kopenhagen wohnt noch nicht lange in Eimsbüttel: „Ich war verwöhnt von meiner Heimatstadt, wo alle zentralen Einkaufsstraßen Fußgängerzonen sind. Dass es hier immerhin einen kleinen Teil in der Osterstraße gibt, freut mich v.a. weil meine kleine Tochter sicher spielen kann, wenn ich meinen Cappucino genieße. Die vielen Spielgeräte auf den ehemaligen Querungsinseln wären auch was für uns in Kopenhagen“ schwärmt sie. Auch der kostenlose Lastenradverleih begeistert.

Zum Gelingen trug das konsequente Bewerben einer Bürgerinitiative bei, die immer mehr Stimmen fand. Außerdem konnte nach einer Erhebung die notwendige Anzahl an Parkplätzen durch Quartiersgaragen dann doch noch realisiert werden. Die Parkpalette auf dem Karstadt-Dach ist nun stets gut belegt, das Kaufhaus kombiniert Promo-Aktionen mit den Parkscheinen und stellt fest, dass sogar Kunden aus Eppendorf nach Eimsbüttel kommen – sie vermissen ihren Karstadt. Die neue Bushaltestelle „Schwenckestraße“ der Linie 4 war da nur logisch ebenso wie der Umstieg auf einen 5-Minuten-Takt.

STOP: DAS IST ALLES NUR ERFUNDEN!
Kein Zitat wurde so gesprochen, sondern entstammt der Fantasie der Autorin. Wäre aber doch eigentlich schön? Kein Problem – nach dem Umbau braucht es nur ein paar versenkbare Poller und los geht’s! Was am Times Square in New York gelang (siehe Internetlink) dürfte doch auch für unser schönes Eimsbüttel passen, oder?

–> Der neue Times Square in New York City

 

Hinweis von Kai:

Da geht was, da kann man in der Tat was tun! 

Damit dieses schöne Lebensgefühl mit der Osterstraße nicht nur in der Fantasie blüht, empfehle ich die Teilnahme an der Eimsbütteler Verkehrsinitiative. Sie kämpft genau für diese Dinge. Damit sie nicht nur Träume bleiben.

Wir treffen uns jeden letzten Montag im Monat im LiteraturCafé Mathilde, Bogenstraße 5 um 19:00 Uhr.

Vorläufig auch erreichbar auf facebook:
30 reicht! Verkehrsini Eimsbüttel

Tempo 30 für ganz Eimsbüttel!

CIMG9133
Slalomradeln um Designer-Baumlöcher

An der Osterstraße wird mit Hochdruck weiter gebaut und die Baustelle verlagert sich weiter Richtung Kreuzung Heußweg, an der kein Stein auf dem anderen liegen bleibt. Auf einem ersten Abschnitt zwischen Heußweg und Schwenckestraße kann man schon mal eine Ahnung davon bekommen, was sich für Fußgänger und Radfahrer hier ändert, denn sie bekommen nun einen deutlich breiteren Gehweg. Halt! Fußgänger UND Radfahrer? Sollen Letztere nicht auf die Straße? Eigentlich schon, aber soeben hat der CSU Bundesverkehrsminister gestern einschneidende Anpassungen der Straßenverkehrsordnung angekündigt. [„Es muss nicht erst Tote geben“, taz, 18. Februar 2016] Demnach gibt es drei Änderungen, die schnellstmöglich umgesetzt werden sollen:

Kinder bis 8 Jahre müssen auf dem Fußweg fahren, bis 10 Jahre können sie es und Erwachsene müssen auf dem Radweg (so er denn vorhanden ist) bzw. auf der Fahrbahn fahren und ihren Nachwuchs von dort aus dirigieren. Das soll sich ändern; in Zukunft dürfen begleitende Eltern („geeignete Aufsichtsperson“) ihren Kindern auf dem Gehweg hinterher strampeln. Trifft sich ja ganz gut, dass diese nun breiter werden an der Osterstraße. Wenn man sich ansieht, wie viele Eltern/Kinder hier unterwegs sind, kann man sich vorstellen, was in Zukunft weiterhin radtechnisch auf den Fußwegen los sein wird. Nun rächt sich unter Umständen, dass es keinen vernünftigen Radweg geben wird, wie ihn etwa „Osterstraße autofrei!“ schon ganz am Anfang als Idee skizziert hatte. Eimsbüttels Eltern werden sicherlich massenhaft von den neuen Regelungen Gebrauch machen, da sie für sie gleich in zweifacher Hinsicht von Vorteil sind: Kind im Blick und weg vom nur halb vorhandenen Schutzstreifen auf der Fahrbahn.

Die zweite Änderung betrifft bestimmte Pedelecs, die in Zukunft auch  außerorts auf Radwegen fahren sollen.

Die dritte Sache ist aber sicher die interessanteste von allen. Wollten sich Anwohner, Initiativen oder auch die lokale Politik an Hauptverkehrsstraßen für Tempo 30 vor Schulen, Kindergärten, Altenheimen und dergleichen einsetzen, rannten sie meist gegen Betonmauern. Denn es bedurfte in aller Regel mindestens einen heftigen Unfall, um nachzuweisen, dass es an besagten Stellen ein erhöhtes Gefährdungspotenzial gab. Selbst dann noch war es oftmals ein Kampf gegen Windmüheln. Neu ist jetzt: Dieses Gefährdungspotenzial muss nicht mehr nachgewiesen werden. „Wir schaffen jetzt den Rechtsrahmen, damit die Straßenverkehrsbehörden ohne größere bürokratische Hürden Tempo 30 vor Schulen und Kindergärten auch an Hauptverkehrsstraßen anordnen können„, erklärte der Bundesverkehrsminister.

Für Eimsbüttel und alle, die hier – und nicht nur hier – für eine Entschleunigung des motorisierten Individualverkehrs kämpfen, dürfte das ein Sechser im Lotto sein und ich reibe mir schon freudig die Hände. Tempo 30 in der Lappenbergsallee! Kita gleich am Anfang, Kirche ein Stückchen weiter (Kinder, Senioren und nochmal Kinder, Kinder!), Kinderküche, Kita „Lokomotive“, großer Spielplatz und noch eine Kita gegenüber von Penny und noch eine am Ende.Die Schwenckestraße wartet mit der Kita der Apostelkirche auf.  In der Müggenkampstraße schraubt zukünftig die „Kita Mügge“ das Tempo runter. Heußweg kann Tempo 30 gleich über die Kreuzung bis zum Unnapark verlängert werden damit auch die „Kita Heussweg“ nicht vergessen wird. Mit etwas Fantasie ließe sich womöglich selbst die Osterstraße drosseln da sie Schulweg für die Schulen Tornquiststraße und Telemannstraße ist. Fruchtalle? Tempo 30, hier wird die Hauptverkehrsstraße gleich mit zwei weiteren Kitas, den „Minimeters“ und gegenüber den „Früchtchen“ regelrecht umzingelt. Nicht genug? Kita Emilienstraße der Elbkinder liegt ebenso an der Fruchtallee wie der Eingang zum Wehberspark, der wiederum ein Spielhaus besitzt. Eimsbütteler Marktplatz? Tempo 30, denn gerade wird ein Kaifu-Nordland Wohnhaus für Senioren direkt dort und am Ende der Rellinger Straße bezugsfertig. Auf der anderen Seite liegt ein weiteres Spielhaus und um die Ecke die Grundschule Eduardstraße. Die Schule / Kita Rellinger Straße grenzt mit der Rückseite an die Kieler Straße.  Weiter längs müssen die Autofahrer wieder auf die Bremse treten, denn dort liegt die Elbkinder-Kita Försterweg.

Goldige Aussichten! Diese Gesetzesänderungen scheinen gerade für Eimsbüttel wie auf den Leib geschneidert zu sein. Endlich scheint es möglich zu sein, einen Damm zu durchbrechen. Den Damm jahrzehntelanger Ignoranz, den Damm, den die Straßenverkehrsbehörde immer wieder wie ein Schutzschild um die Autofahrer spannte (musste), um sinnvolle und lebensrettende Tempolimits zulasten der Schwächsten unserer Gesellschaft abzulehnen. Einen Damm, der für viel zu viele leider schon das tödliche Ende bedeutete.

Schluss damit! Lasst uns aus Eimsbüttel das Tempo nehmen! Und wenn wir damit fertig sind, knöpfen wir uns mal wieder die nicht enden wollende stehende Blechlawine und den oftmals sinnlosen MIV an sich als nächstes Thema vor. Es gibt immer was zu tun. Los geht’s!

So sieht’s aus…

Schöne Idee - bleibt ein Traum...
Schöne Idee – bleibt ein Traum…

Die letzte große Vorstellung der Umbaupläne vor Beginn der Bauarbeiten in der Osterstraße ist gelaufen, der Vorhang gefallen. Bereits ein viertes Mal wurden die EimsbüttelerInnen ins Hamburg Haus zur Informationsveranstaltung eingeladen, um diesmal den vorläufigen Endzustand der Planungen präsentiert zu bekommen. Ab September sollen dann die Bagger rollen.

Um es ganz kurz zu sagen:
JA, sicherlich geht es in die richtige Richtung.
Und NEIN, wirklich zuende gedacht ist auch dieser Plan nicht.

Die Straße wird schöner werden, keine Frage. Wahrscheinlich werden auch ein paar weniger Autos in Zukunft hier fahren. Der Fußgänger bekommt deutlich mehr Platz, die Räder müssen auf die Straße und die Hälfte der Parkplätze fällt weg.

Der adfc erwähnt in seiner Pressemitteilung zum letzten Stand der Osterstraßendinge [„Wie Fahrradfreundlich wird Hamburg?“, adfc Hamburg, 30. Juni 2015], dass ihn die Planungen sehr an die Shared Space Ideen aus dem Jahre 2008 erinnern würde. Shared Space wurde in Hamburg niemals umgesetzt und ist vor nicht allzulanger Zeit zu recht selbst aus den Konzeptschubladen wieder verbannt worden.

Einer, der es wissen muss, bringt es auf den Punkt: Jan Gehl, einer der gefragtesten Urbanisten der Welt, schreibt in seinem Buch „Städte für Menschen“ , dass eine Mischung des Verkehrs sicherlich möglich ist, nicht jedoch auf Basis einer Gleichwertigkeit aller VerkehrsteilnehmerInnen, wie es etwa das Shared Space Konzept voraussetzt. Fußgänger kämen allerdings auch gut mit Autoverkehr zurecht, wenn für alle Verkehrsbeteiligten klar geregelt sei, dass Fußgänger Priorität haben. Wo dieses nicht möglich sei, bliebe nur eine klare Trennung der Fußgänger vom übrigen Verkehr.

Fußgängern wird also großzügig mehr und vom übrigen Verkehr getrennter Raum zugebilligt, dafür hapert es aber mit der Gleichwertigkeit der VerkehrsteilnehmerInnen an anderen Stellen gewaltig. So müssen sich RadfahrerInnen immer dort, wo der dürftige Schutzstreifen nur noch in Piktogramme ohne Streifen jeglicher Art übergeht, wieder in den fließenden motorisierten Verkehr einfädeln. Das ganze sei ein Pilotprojekt und könne ja womöglich eine Vorstufe zu einer zuküntigen Fahrradstraße sein, so die mutige Aussage eines Planers. Auf der selben Veranstaltung klärt er aber auch darüber auf, dass Einbauten, wie sie auf den geriffelten Querungsmittelstreifen geplant sind, auch wieder abgebaut werden könnten, wenn sie dem Ausweichverkehr im Weg sein sollten. Wie zu sehen, wenn man die beiden Planungsversionen von Oktober 2014 und Juni 2015 vergleicht [Mediathek Stadtraumerneuerung Osterstraße], schien bereits einiges im Weg gewesen und inzwischen eliminiert zu sein. Vorrangschaltungen für Radler und auch für Fußgänger an den Ampeln bleiben Wunschkonzert. Tempo 30, welches nun endlich auf Teilen der Bundesstraße eingeführt wurde [„Auf der Bundesstraße gilt Tempo 30“, Eimsbütteler Nachrichten, 16. Juli 2015], bleibt trotz zahlreicher Interessierten- und Anwohnerwünsche an der so stark belebten, von Menschen allen Alters und sehr vielen Kindern frequentierten Osterstraße selbstverständlich ebenso in unerreichbarer Ferne.

Lebensqualität, saubere Luft und weniger Lärm scheinen für die Eimsbütteler Bezirksregierung Zustände zu sein, die auf keinen Fall irdischer Natur sein können. Selbst bei der Bürgerbeteiligung des Amtes wurden die Wünsche geäußert, Tempo 30 und sogar autofrei wenigstens ernsthaft zu prüfen. Auch wenn nur ein paar Leute ihr Stimmchen abgegeben haben, ist immerhin etwa die Hälfte für derartige Lösungen. Man staune: Obwohl die Hälfte der Parkplätze entfallen soll, hört man auf den Infoveranstaltungen nur recht wenig Einwände dagegen. All das wird allerdings genauso geflissentlich ignoriert wie die über 500 Unterschriften, die „Osterstraße autofrei!“ gesammelt hatte. Darüber gab es hier schon einmal einen Artikel, der die Pseudo-Bürgerbeteiligung unter die Lupe nimmt [„Bürgerbeteiligung nur Farce,“ Osterstraße autofrei!“, 6. Juli 2014 sowie dessen Kommentar samt Link dazu].

Wie in allen drei vorherigen Informationsveranstaltungen wird dagegen auf eine beinahe schon monströse Vorgeschichte der Osterstraßenplanungen hingewiesen und man lobt sich, dass man es sogar geschafft hat, mit 42 Schnittstellen zusammengearbeitet zu haben. Dafür ist das Ergebnis, abgesehen davon, dass optisch mächtig aufgebrezelt wird, mehr als peinlich.

New York hat das vor einigen Jahren viel simpler gemacht. Heute freuen sich die Menschen in Big Apple über einen überwiegend autofreien Times Square und einen Broadway, der in Teilen zur Fußgängerzone geworden ist. Die Ergebnisse und Erfahrungen, die hier gemacht wurden und werden, sind mehr als beeindruckend. „Learning from Broadway“ [Gehl Architects Blog, 18. Juni 2010] sollten sich die Eimsbütteler und Hamburger ChefplanerInnen lieber noch einmal ansehen, ebenso den Artikel „Leben zwischen den Häusern“ [Greenpeace Magazin, März 2015, Broadway erst kurz vor Artikelende!]. Denn bevor der Broadway umgebaut wurde, wurde  er kurzerhand über einige Monate befristet für den Autoverkehr gesperrt und Stühle auf die Straße gestellt. Mehr brauchte es nicht, um einen Stein mächtig ins Rollen zu bringen.

In Eimsbüttel dagegen ticken die Uhren anders.  Ursprungspläne werden verwässert, Autos dürfen Busse wieder überholen. Testphasen, günstig und einfach zu haben, sind hier ohnehin nicht nötig.

Nicht einmal für „Neuland STRASSE“ gibt es bisher eine Zusage. Dem Projekt, welches nur einen kleinen Teil der Osterstraße und diesen auch nur für drei Tage sperren lassen wollte, um neben einem Forum für nachhaltige Verkehrs- und Stadtplanung ganz einfach zu demonstrieren, was alles möglich wäre. Um es genau zu sagen, haben wir noch immer keine offizielle, endgültige Stellungnahme erhalten, nicht einmal ein Gesprächsangebot. Dass wir dabei auch noch als ein Pilotprojekt mit einem interessanten Stadtentwicklungsprojekt zusammenarbeiten (Stadtmacher), welches vom Bund gefördert wird, Schwamm drüber. Deutlicher kann man wohl nicht zum Ausdruck bringen, dass echtes Interesse an nachhaltigen Veränderungen nicht vorhanden ist.

Vielleicht denken wir von „Osterstraße autofrei!“ in der Tat zu visionär für die hiesigen PolitikerInnen. Mag sein, dass wir unserer Zeit schlicht zu weit vorraus sind und uns weitere 20, 30 Jahre mit dem Status quo abfinden müssen. Es gibt nur eines, was beim Osterstraßenumbau glasklar ist: Eimsbüttel hat sich wieder für das Auto entschieden. Das ist vor allem eines –
die menschenfeindlichste Lösung schlechthin.
Und 7 Millionen Euro teuer.

weitere Links:
„Einbahnstraße Osterstraße“, Eimsbütteler Nachrichten, 2. Juli 2015
„Stadtraumerneuerung Osterstraße“, offizielle Webseite der Stadt.