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Im Traumland

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Hamburg schreibt sich auf die Fahnen, Fahrradstadt zu werden. Zu sehen ist davon bisher recht wenig. Also lohnt es sich, den Blick mal über den elbhanseatischen Tellerand zu hieven und sich in unserer unmittelbaren Nachbarmetropolregion, der Öresundregion, umzuschauen. Kopenhagen ist fraglos „Hauptstadt“ dieser Region und wie alle wissen, Hamburg in Sachen Fahrradstadt um Lichtjahre voraus. Kein Wunder, gilt diese Stadt ohnehin als Fahrradmetropole Nummer eins – weltweit.

Aber zur Öresundregion gehört weit mehr als nur die dänische Kapitale mit der kleinen Meerjungfrau. Die Region erstreckt sich sowohl über Dänemark als auch über Schweden, weshalb Malmö, Schwedens drittgrößte Stadt und Helsingborg, achtgrößte und Skånes zweitgrößte Stadt ebenso zu dieser Metropolregion mit ihren knapp vier Millionen Einwohnern gehören. Helsingborg konnte ich mir neulich einmal genauer ansehen, ebenso wie Halmstad etwas weiter im Norden – und wähnte mich im Traumland.

Kommt man in Helsingborg am „Knutpunkten“, dem kombinierten Haupt- und Fährbahnhof, an, fallen hier sofort überdachte Fahrradabstellanlagen und eine tolle Fahrradinfrastruktur auf. Auf allen größeren Straßen im Innenstadtbereich gibt es eigene, vom Autoverkehr getrennte Radwege. Sicher und geschützt radelt es sich ohne weitere Hindernisse und überwiegend schön geradlinig durch die halbe City der 100.000 Einwohner-Stadt am Öresund.(siehe Fotos)

Ein ähnliches Bild bot sich in Halmstad. 80 Kilometer weiter nördlich, rund 60.000 Einwohner. Auch hier lässt man sich nicht lumpen, was vernünftige Radwege angeht, die, wie in Helsingborg, zusammen mit den Fußwegen auf einem Level liegen. Über querende Straßen geht’s beinahe durchgängig hinweg, selbst Kreuzungen im Tempo50 Bereich habe ich gesehen, auf denen dies der Fall ist. Wer hier Vorfahrt hat, ist klare Sache. Je weiter es aus dem Zentrum geht, je grüner es wird und mehr Platz vorhanden ist, desto breiter werden diese Wege, die dann vielfach auch völlig eigenständig nicht nur neben den Straßen verlaufen. Sicher, diese Wege weiter draußen sind auch für Fußgänger gedacht, aber da sie hier definitiv breit genug sind, dass sich kaum jemand in die Quere kommt, gibt’s nichts zu mäkeln. Hauptstraßen werden spielerisch in alle Richtungen untertunnelt, nichts hält einen auf, das Rad hat freien Lauf – Fahrradschnellwege at it’s best!

Woher nehmen sie hier den Platz? Einerseits haben sie ihn schlicht, das gilt vor allem für Stadtteile abseits der Zentren, andererseits wird er einfach gegeben. Sinnvolle Platzaufteilung des öffentlichen Raumes meint hier in sehr vielen Straßen, dass es schlicht keine öffentlichen Parkplätze am Straßenrand gibt. Eine Sache, die übrigens überall in den skandinavischen Ländern massiv ins Auge sticht. Die Leute parken in Garagen, auf ihren Grundstücken bzw. auf einer Art Quartiersparkplätzen. Am Straßenrand dagegen wird oftmals nur eine minimale Parkplatzanzahl vorgehalten. Das schafft Platz – und eine große Portion Sicherheit.

Hier erahnt man, dass eine gute Fahrradpolitik allein nicht alles ist. „Städte, die nett zu ihren Fußgängern sind, sind es in aller Regel auch für Radfahrer“, weiß Jan Gehl, einer der gefragtesten Stadtentwickler der heutigen Zeit, schon seit langem („Das Leben findet zwischen den Häusern statt“, Neue Zürcher Zeitung, 26. Juli 2016). In Helsingborg kann man das gut beobachten. Im Zentrum gibt es einige klassische (ältere) Fußgängerzonen , eine lange und neue „Promenade“ am Sundufer und neue bzw. umgestaltete und nun autofreie Plätze. Die Stadt baut sich um, auch das merkt man. Sackgassen sind dabei ein gängiges Mittel, um nicht nur Durchgangsverkehr zu blockieren, sondern im gleichen Zuge vermehrt weiteren Raum zu schaffen, urbanen Raum mit Wohfühlfaktor. Man mag immer lachen, meinen, dass man „so kleine Städte“ nicht mit großen vergleichen könne, aber der Schein trügt. Das Prinzip ist kleinteilig zu denken, zurück zum menschlichen Maß und den wahren menschlichen Bedürfnissen zu finden (Jan Gehl) – das geht überall, egal ob in Kleinstädten oder Megametropolen.

Um die Sache rund zu machen, darf ein effektiver und einladender ÖPNV natürlich nicht fehlen. Der „Öresundståg“, innen ein wahres Raumwunder, umrundet die gesamte Region beinahe im S-Bahn Takt, pendelt zwischen Helsingborg, Malmö, über die Brücke nach Kopenhagen und endet gegenüber im dänsichen Helsingør, von dem im 20 Minuten Takt die Fähren über den Sund zwischen den beiden „H“-Städten schippern. Wir sind zurück am „Knutpunkten“ in Helsingborg. Die Politik begreift Verkehr, Mobilität und Stadtplanung als ein gesamtes System, keines wird ausgesperrt, aber dennoch klar Prioritäten gesetzt und kommuniziert, wie dies unübersehbar Werbung für den Verkehrsverbund macht.

ÖPNV Vorteile werden klar gezeigt:
Wie weit kannst du fahren für 1 Gramm CO²? Normales Autos: 7,2 Meter, E-Auto: 10,7 Meter, Bahn: 62 mal die Strecke zwischen Lund und Malmö (18 Kilometer)

Schlaues und pfiffiges Marketing tragen das Ihre dazu bei. Dass z.B. Busfahren viel mehr ist, als schnöde zum Ziel zu kommen, dass Busfahren so richtig cool und hip ist, macht gerade der dänische Verbund „Midtrafik“ in seinem Werbespot vor. Fahrkarten existieren gefühlt nur noch als e-Tickets auf Smartphones, in Kopenhagen wird nur noch eine Chipkarte an ein Lesegerät gehalten – einmal beepen beim Einsteigen, einmal beim Aussteigen und Tarife, Zonen und pipapo sind Vergangenheit. So begeistert das über beide Länder übergreifende Verkehrssystem, schnell, flexibel, einfach, Radmitnahme und Wifi sind selbstverständlich, keine Zukunftsmusik.

Hamburgs Politiker sollten eine Reise in die Öresundregion machen und selbst einmal auf Entdeckungs- und Erweckungtour gehen. Hier gibt es alles geballt auf engem Raum, hier wird sichtbar, woran es in Deutschland mangelt: Der Einsicht, dass es ohne eine Einschränkung des Individualverkehrs nicht geht. Dass gute Verkehre, sprich der Umweltverbund – Radfahrer, Fußgänger und ÖPNV – nur als tatsächlich im Zusammenhang gedachte Einheit ihre volle Wirkung entfalten können.

Wie das geht, darüber hat Jan Gehl ganz aktuell in Zusammenarbeit mit GREENPEACE eine sehr einleuchtende Broschüre herausgebracht: „Rollenwechsel – Konzept für eine neue Mobilität in Städten“ [PDF Download]. Gerade mal 21 Seiten braucht es – reich bebildert, illustriert und mit Fakten gefüllt -, um anzufangen, Stadt umzubauen.

Hamburg, Sommer 2016. Die HVV-Preise sollen wieder steigen, wie jedes Jahr, seit 2012 ging’s beinahe um satte 13 Prozent nach oben [„HVV-Tickets sollen wieder teurer werden“, NDR.de, 10.08.2016]. Verbannung der rußenden Dieselschleudern aus der Innenstadt? Vergiss es, die blaue Plakette wird’s nicht geben [„Kennzeichnung für Dieselautos: Umweltministerium zieht Pläne für Blaue Plakette zurück“, SPIEGEL ONLINE, 10.08.2016].

Ach ja, und Bürgermeister Olaf Scholz sagt, dass es mit ihm keine Fahrverbote von abgasskandalgeplagten Diesel-PKWs geben wird [„Unsozial, Olaf Scholz schließt Fahrverbote in Hamburg aus“, Hamburger Abendblatt, 05.08.2016].  Das sei unsozial und darum mit ihm nicht zu machen. Unsozial ist dabei aber genau das – nichts zu tun. Scholz sagt auch immer wieder, dass nichts zu Lasten des Autoverkehrs geschehen dürfe – schließlich solle niemand ausgeschlossen werden. Herr Bürgermeister Scholz, sollten Sie dies hier lesen, beantworten Sie doch bitte mal eine einzige Frage:

„Meinen Sie wirklich, dass die Städte in der Öresundregion Menschen von individueller Mobilität ausschließen?“

 

Zum Schluss kurz in eigener Sache:
Es ist ruhig geworden in letzter Zeit auf „Osterstraße autofrei!“. Hinter den Kulissen ist aber viel passiert. Nach der Sommerpause geht’s wieder rund! Freut euch auf jede Menge frischen Wind für diese Stadt.

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Alles Glück liegt auf der Fahrbahn!

schwenckestrasse
Gutes Leben könnte so einfach sein….

Dieser Artikel ist bereits im September 2014 von mir geschrieben geworden. Weil sich aber inzwischen vieles getan hat, Wahlen inklusive, weil mittlerweile viele weitere Menschen diesem Blog folgen und vor allem auch, weil „Osterstraße autofrei!“ im Spätsommer das Straßenfest Neuland STRASSE plant, habe ich diesen Beitrag aktualisiert und umfassender erneut nach ganz oben auf diese Seite geholt. Denn in ihm steckt mit das Wichtigste, was es braucht, um Stadtraum wirklich und umfassend zu ändern.
Lesen und Links folgen lohnt sich – denn hinterher sieht Stadt ganz plötzlich ganz anders aus….

Das erste, was ich tat, als ich die Idee zu „Osterstraße autofrei“ hatte, war, diverse „Gute Gründe“ aufzuzählen, warum die Osterstraße im Rahmen des geplanten Umbaus zu einer autofreien Zone werden sollte. Ende März 2014 verfasste ich diese Liste, die insgesamt 13 Punkte beinhaltet. Diese Liste habe ich alleine zusammengestellt, ohne dass irgendwer oder etwas mir „reingeredet“ hätte. Gleiches gilt für „Keine Parkplätze = Kunden weg?“, meinem Versuch, die Geschäftsleute von der Idee einer autofreien Osterstraße zu überzeugen. Als ich all das schrieb, hatte ich von Einem allerdings noch nie etwas gehört. Auf ihn bin ich erst jetzt gestoßen, weil mich dieses spannende Thema immer mehr interessiert. Auch wenn ich alles andere als ein Profi-Stadt- und Verkehrsplaner bin, so ist es doch erstaunlich, vieles von dem, was ich in meiner Liste aufgeführt habe, so oder in ähnlicher Form jetzt wieder zu lesen. Denn alles, was man braucht, um auf derartige Gedanken zu kommen, ist nichts weiter, als ein wenig gesunder Menschenverstand gepaart mit dem Wissen um die Tatsache, dass es immer auch anders und meist sogar besser geht.

Der Mensch, den ich meine, ist der in Kopenhagen lebende Däne Jan Gehl. Der heute 77 jährige ist Architekt und Stadtplaner – und weltweit gefeierter Star, wenn es darum geht, den Menschen wieder zurück in den öffentlichen Raum zu holen – oder besser: Den Menschen wieder Raum zu geben. Seit Jahrzehnten arbeitet der Däne daran, Stadt neu zu denken und zu gestalten. Dass Kopenhagen heute da ist, wovon viele andere nur träumen, liegt zu einem großen Teil auch an ihm.
Seine wichtigste Leitlinie ist dabei immer das „menschliche Maß“ und der „menschliche Blickwinkel“. Erst wenn man die Stadt aus diesem Blickwinkel betrachtet, wenn man studiert, wie Menschen sich verhalten und bewegen, wenn man im 5 Km/h statt im 60 Km/h Maßstab plane, kommt man tatsächlich zu Ergebnissen, in denen der Mensch im Mittelpunkt steht. Erst wenn man den Menschen als die wichtigste Komponente in der Stadtplanung sieht, bekäme man eine lebenswertere, sichere, nachhaltigere und gesündere Stadt, meint der Däne.

Gehl ist Experte darin, Städte von gestern, die von Modernismus und Motorisierung geprägt sind, in Städte von morgen zu transformieren. Weg vom Gedanken, in Straßen für Autos ein Allheilmittel zu sehen, weg davon, fremde Energie statt eigene für das eigene Fortkommen nutzen zu müssen. Ebenso allerdings auch weg von dem Gedanken, Hochhäuser seien gut für den Menschen. Hin zu einer humanen Stadt, die den Menschen das (zurück)gibt, was dieser für ein gesundes und glückliches Leben braucht: Platz dafür, um das zu tun, was des Menschen natürlichste Sache ist – zu laufen, Rad zu fahren, sich mit anderen Menschen zu treffen und austauschen zu können. „Heute haben wir den Beweis, dass die lebenswertesten Orte mit den glücklichsten Menschen die Städte sind, die nett zu ihren Fußgängern sind„, stellt Gehl fest.

Nun, was hat das mit der Osterstraße zu tun?
Eine ganze Menge!

Hier geht es nämlich um eine Straße, die inmitten eines beliebten und quirligen Viertels liegt. Hier geht es um eine Straße, in der beinahe 90% aller Passanten nicht mit dem PKW an diese Straße kommen, sich allerdings offenbar auch weiterhin mit dem wenigsten Platz zufrieden geben sollen. Es geht um eine Straße, an der zuweilen bis zu 200 Fußgängerquerungen je Stunde abseits der Ampelübergänge gezählt werden. Hier geht es um eine Straße, von der Bezirk und Planer in der Tat sehr viele sehr interessante Zahlen haben [Auswertung Bürgeranregungen Juni 2014, PDF Download, 887 KB] , die, so Jan Gehl, den Planern andernorts oftmals so nicht zur Verfügung stehen würden, dafür aber umso öfter nur die Zahlen, die den motorisierten Verkehr betreffen würden. Hier ist jede Menge Einzelhandel ebenso wie ein breites Gastronomie Angebot vorhanden, die sicherlich mehr als profitieren werden, würde diese Straße wieder den Menschen zurückgegeben werden. „Wir alle leben in einem kapitalistischem Wirtschaftssystem“, sagt Gehl. Trotzdem würden sich immer mehr Städte für eine Mobilitätswende öffnen. Dies würde nicht geschehen, wenn es kein gutes Geschäft wäre. „Geschäftsleute sind im Allgemeinen bloß etwas konservativ, sie wissen, was sie haben, und sind ein wenig unsicher, wenn es um die Zukunft geht. Bei jeglichen Veränderungen sind sie daher eher sehr kritisch, und danach hört man nichts mehr. Ich habe das schon sehr oft erlebt“, sagt Gehl. „Je lebenswerter eine Stadt ist, umso besser ist sie für die Wirtschaft“.
Das sagen übrigens auch diverse Kaufleute, die ich selber befragen konnte – in Hamburg, Bergedorf.

Die Wiener Zeitung hat Gehls Ansichten zu der Frage, wie Städte in menschenfreundliche Lebensräume umgewandelt werden können, in 8 Thesen dargestellt: „Wohnzimmer gestalten, nicht Korridore“, Wiener Zeitung, 1.7.2014

Immer wieder verweist Gehl auf seine Heimatstadt Kopenhagen, die vor 50 Jahren begann, den Autoverkehr wieder auf die Hauptstraßen zurückzudrängen. Inzwischen gilt die Stadt als eine der fahrrad- und fußgängerfreundlichsten Städte der Welt und sie hat gelernt, dass die Vorteile klar überwiegen. Die menschenfreundliche Politik, was den öffentlichen Raum und die Verkehrspolitik betrifft, wurde selbst von einem rechtsgerichteten Bürgermeister nicht mehr zurückgenommen, so sehr sei diese Art der Politik mittlerweile fest etabliert. Hier gebe es deswegen schon lange keinen Aufschrei mehr, „höchstens, wenn mal wieder ein paar Parkplätze weggenommen werden“. Dabei gibt es natürlich auch in Kopenhagen Autos. Es geht also auch abseits von „entweder oder“. Der Platz für fahrende und parkende Autos wurde allmählich verringert. Ebenso wurden Beschränkungen eingeführt, um sicherzugehen, dass sie langsamer fahren und an den wichtigen Plätzen nicht zu zahlreich sind. Über 100.000 m² Straßenfläche sind allein im Zentrum Kopenhagens autofrei – nun folgen ähnliche Schritte auch in Vierteln, die weiter entfernt vom Zentrum liegen – womit wir wieder an der Osterstraße wären. Denn genau dies soll offizielles Ziel der Stadt Hamburg sein, wie es im Masterplan Klimaschutz heisst, den der Senat der Bürgerschaft bereits am 25. Juni 2013 (!) mitgeteilt hat. Interessant ist Seite 7, rechts unten, vorletzter Absatz:

„Integrierte Stadt- und Verkehrsentwicklung: Klimaund
umweltschonende Mobilität und Stadtentwicklung
werden integriert betrachtet und sind auf ein gemeinsames
Ziel gerichtet: u.a. kompakte Stadt/Stadt der
kurzen Wege, Siedlungsentwicklung entlang des
schienengebundenen ÖPNV, autoarme Siedlungen
und Quartiere, Qualität, Nutzung und Umgestaltung
des öffentlichen Raumes, mehr Platz und Aufenthaltsqualität für alle im öffentlichen Raum.“

Also – helfen wir ein wenig mit!
Zuvorderst scheint hier nämlich schlicht zu fehlen, was Gehl zufolge unabdingbar für eine erfolgreiche Verkehrswende ist: Leute mit Visionen. Noch genauer: Politiker, Bürgermeister, Bezirkschefs mit Visionen. Haben wir nicht in Thorsten Sevecke sogar einen passionierten Fahrradfahrer als Bürgermeister vom Bezirk Eimsbüttel? Warum kommen dann keine Impulse von ihm? Weil er in der SPD ist? Weil er nicht „darf“? Weil er meint, dass sich das tolle Eimsbüttel nicht mit so „popeligen“ Städten wie Kopenhagen, Melbourne, New York, Wien, Zürich, Vancouver, Rom und Moskau messen lassen muss, die auch unter Gehls Hilfe erfolgreich dabei sind, sich zu transformieren? Dabei wohnt Herr Gehl gar nicht mal so weit entfernt. Könnte man ihn denn nicht mal einladen? Sich einen Rat holen?

Man muss auch gar nicht unbedingt nach Kopenhagen schielen, wenn es auch an der Elbe so viele engagierte normale Bürger gibt, die teils visionäre Ideen haben. Viel darüber ist z.B. auf Next-Hamburg zu sehen, auch in der stadteigenen Stattwerkstatt   “Zufußgehen und Fahrradfahren sind Ausdrucksformen eines urbanen Lebenstils” in Stadtwerkstatt 4, Hamburgs mobile Zukunft [PDF Download, 804 KB] gibt es aufschlussreiches zu lesen. Und – ja, selbst an der Osterstraße haben viele Menschen ihre Ideen und Wünsche, von denen viele sogar sehr vorbildlich sind, zu Protokoll gegeben [PDF Download, 870 KB]. Ganz zu schweigen von all den Menschen, die die Petition für eine autofreie Osterstraße unterschrieben haben. Die Ignoranz, die die SPD bisher an den Tag legt (siehe „Hamburg bald autofrei!“), ist nicht nur eine Riesenschweinerei – sie ist geradezu unerträglich und einer Stadt wie Hamburg absolut unwürdig! Die SPD scheint sich entschlossen zu haben, leider nur eine Partei von gestern zu sein.

Die GRÜNEN dagegen haben Jan Gehl offenbar für sich entdeckt. Im aufziehenden Wahlkampf versuchte Till Steffen, seine Partei mit Gehls Thesen anzustecken, weil auch er meint, darin den Schlüssel für viele Probleme Hamburgs erkannt zu haben. Melbourne soll Hamburg als Vorbild dienen – 25.2.2014 Hamburger Abendblatt [€] Einen besseren Zeitpunkt als gerade jetzt, mit dem Umbau der Stadt tatkräftig zu beginnen, wird es wohl – wie Steffen es selbst erkannt hat und darlegt „Hamburgleben – von Kopenhagen lernen“ [PDF Download, 97 KB] , so schnell kaum wieder geben.
Aktuell gehen die GRÜNEN in Koalitionsverhandlungen mit der SPD. Man darf wohl mehr als gespannt sein, was dabei am Ende herauskommen wird. Scholz hatte vorsorglich schon mehr als einmal auf sein Wahlergebnis hingewiesen und die GRÜNEN zu einer REALISTISCHEN Sicht auf die Dinge gemahnt…

Bis dann eventuell etwas tut, muss sich Hamburg aber erstmal weiterhin mit der menschenfeindlichen Verkehrspolitik arrangieren, der gerade vorgestern wieder ein Mensch in Hamburg zum Opfer gefallen ist („LKW überrollt Radfahrerin“, BILD, 8.9.2014). Damit sind in dieser Stadt allein von Jahresbeginn an mindestens 13 Menschen auf unseren Straßen gestorben. In der dänischen Metropole dagegen werden z.B. Fußgängerwege mittels Schwelle durchgehend über Kreuzungen und Einmündungen gezogen, so dass Fußgänger und Radfahrer den Gehsteig nicht verlassen müssen, wenn sie die Kreuzung queren wollen. Was muss hier noch alles passieren, damit der Wind sich endlich dreht???

Ein paar weitere Tote auf Hamburgs Straßen reichen jedenfalls nicht aus, wie es scheint.

An der Bundesstraße in Eimsbüttel, der direkten Verlängerung der Osterstraße kam es im Januar zu einem tödlichen Unfall, bei dem eine Joggerin trotz Grün an der Fußgängerampel am Kaifu überfahren wurde. Seitdem tritt auch hier verstärkt Protest in den Vordergrund, gefordert wird Tempo 30. Eine ähnliche Initiative formiert sich im Stellinger Basselweg und auch der adfc will „Tempo 30“ als Regelgeschwindigkeit innerorts ordentlich Beine machen.
Um all das und vieles mehr geballt in die Öffentlichkeit und mitten auf die Osterstraße zu tragen, planen wir zudem das neue Straßenfest Neuland STRASSE, welches, wenn alles gut läuft, im September steigen soll. Wir freuen uns über jede Hilfe dafür! Denn Argumente für eine lebendige, nachhaltige, sichere und gesunde Stadt gibt es ohne Ende.

Jan Gehl sagt:

„In jedem Fall sind menschenfreundliches Engagement und Sorgfalt die wichtigsten Investitionen – und die Rendite ist enorm!“

oder:

 „Bauen Sie für die Menschen und Sie können alle Probleme lösen!“

Und nun die Preisfrage:
Wie ist DEIN Gegenargument?

 

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 www.gehlarchitects.com

Mehr Informationen

Film:

Copenhagen’s Car-Free Streets & Slow-Speed Zones (7-Minuten Film, in denen Gehl und andere Kopenhagens autofreie Straßen vorstellen)

„The Human Scale“ – Wie soll man Städte bauen? Der Filmemacher Andreas Dalsgaard nimmt uns mit auf eine faszinierende Städtereise quer durch die Welt, von Kopenhagen nach Melbourne, Chongqing und Christchurch – auf den Spuren des dänischen Architekten Jan Gehl. 2012, DVD, 83 Minuten, OmU, Vorschau hier

Making life visible„, Jan Gehl, Video, 3:29

Bücher:

Städte für Menschen„, 2014, jovis Verlag, €32.-
„Leben zwischen den Häusern“ (1971) , „Cities for People“ (2010), „How to study public life“ (2013)

Interviews mit Jan Gehl:
„Bauen für Menschen“ – fairkehr Magazin 6/2010
Gesammelte Interviews und weiteres zu Jan Gehl – PDF zum Downloaden
Stadt der Zukunft – Wien, 2014, sehr umfangreich und lesenswert, 12 Seiten [PDF Download, 165 KB]
„Die Menschen in Bewegung setzen“ – brandeins 12/2014

Weitere, sehr informative und umfangreiche Info-Broschüren der EU – Kommission, englisch

„Reclaiming city streets for people” [5,9 MB, PDF Download]

„Kids on the move“ [ 1,33 MB, PDF Download]

„Cycling – the way ahead for towns and cities“ [1,6 MB, PDF Download] 

 

Neuland-Strasse-Logo-final

Hier geht’s lang zum geplanten Event im September 2015

Autogerechte Stadt ist Stadt von gestern

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Gutes Leben könnte so einfach sein….

Das erste, was ich tat, als ich die Idee zu „Osterstraße autofrei“ hatte, war, diverse „Gute Gründe“ aufzuzählen, warum die Osterstraße im Rahmen des geplanten Umbaus zu einer autofreien Zone werden sollte. Ende März 2014 verfasste ich diese Liste, die insgesamt 13 Punkte beinhaltet. Diese Liste habe ich alleine zusammengestellt, ohne dass irgendwer oder etwas mir „reingeredet“ hätte. Gleiches gilt für „Keine Parkplätze = Kunden weg?“, meinem Versuch, die Geschäftsleute von der Idee einer autofreien Osterstraße zu überzeugen. Als ich all das schrieb, hatte ich von Einem allerdings noch nie etwas gehört. Auf ihn bin ich erst jetzt gestoßen, weil mich dieses spannende Thema immer mehr interessiert. Auch wenn ich alles andere als ein Profi-Stadt- und Verkehrsplaner bin, so ist es doch erstaunlich, vieles von dem, was ich in meiner Liste aufgeführt habe, so oder in ähnlicher Form jetzt wieder zu lesen. Denn alles, was man braucht, um auf derartige Gedanken zu kommen, ist nichts weiter, als ein wenig gesunder Menschenverstand gepaart mit dem Wissen um die Tatsache, dass es immer auch anders und meist sogar besser geht.

Der Mensch, den ich meine, ist der in Kopenhagen lebende Däne Jan Gehl. Der heute 77 jährige ist Architekt und Stadtplaner – und weltweit gefeierter Star, wenn es darum geht, den Menschen wieder zurück in den öffentlichen Raum zu holen – oder besser: Den Menschen wieder Raum zu geben. Seit Jahrzehnten arbeitet der Däne daran, Stadt neu zu denken und zu gestalten. Dass Kopenhagen heute da ist, wovon viele andere nur träumen, liegt zu einem großen Teil auch an ihm.
Seine wichtigste Leitlinie ist dabei immer das „menschliche Maß“ und der „menschliche Blickwinkel“. Erst wenn man die Stadt aus diesem Blickwinkel betrachtet, wenn man studiert, wie Menschen sich verhalten und bewegen, wenn man im 5 Km/h statt im 60 Km/h Maßstab plane, kommt man tatsächlich zu Ergebnissen, in denen der Mensch im Mittelpunkt steht. Erst wenn man den Menschen als die wichtigste Komponente in der Stadtplanung sieht, bekäme man eine lebenswertere, sichere, nachhaltigere und gesündere Stadt, meint der Däne.

Gehl ist Experte darin, Städte von gestern, die von Modernismus und Motorisierung geprägt sind, in Städte von morgen zu transformieren. Weg vom Gedanken, in Straßen für Autos ein Allheilmittel zu sehen, weg davon, fremde Energie statt eigene für das eigene Fortkommen nutzen zu müssen. Ebenso allerdings auch weg von dem Gedanken, Hochhäuser seien gut für den Menschen. Hin zu einer humanen Stadt, die den Menschen das (zurück)gibt, was dieser für ein gesundes und glückliches Leben braucht: Platz dafür, um das zu tun, was des Menschen natürlichste Sache ist – zu laufen, Rad zu fahren, sich mit anderen Menschen zu treffen und austauschen zu können. „Heute haben wir den Beweis, dass die lebenswertesten Orte mit den glücklichsten Menschen die Städte sind, die nett zu ihren Fußgängern sind„, stellt Gehl fest.

Nun, was hat das mit der Osterstraße zu tun?
Eine ganze Menge!

Hier geht es nämlich um eine Straße, die inmitten eines beliebten und quirligen Viertels liegt. Hier geht es um eine Straße, in der beinahe 90% aller Passanten nicht mit dem PKW an diese Straße kommen, sich allerdings offenbar auch weiterhin mit dem wenigsten Platz zufrieden geben sollen. Es geht um eine Straße, an der zuweilen bis zu 200 Fußgängerquerungen je Stunde abseits der Ampelübergänge gezählt werden. Hier geht es um eine Straße, von der Bezirk und Planer in der Tat sehr viele sehr interessante Zahlen haben [Auswertung Bürgeranregungen Juni 2014, PDF Download, 887 KB] , die, so Jan Gehl, den Planern andernorts oftmals so nicht zur Verfügung stehen würden, dafür aber umso öfter nur die Zahlen, die den motorisierten Verkehr betreffen würden. Hier ist jede Menge Einzelhandel ebenso wie ein breites Gastronomie Angebot vorhanden, die sicherlich mehr als profitieren werden, würde diese Straße wieder den Menschen zurückgegeben werden. „Wir alle leben in einem kapitalistischem Wirtschaftssystem“, sagt Gehl. Trotzdem würden sich immer mehr Städte für eine Mobilitätswende öffnen. Dies würde nicht geschehen, wenn es kein gutes Geschäft wäre. „Geschäftsleute sind im Allgemeinen bloß etwas konservativ, sie wissen, was sie haben, und sind ein wenig unsicher, wenn es um die Zukunft geht. Bei jeglichen Veränderungen sind sie daher eher sehr kritisch, und danach hört man nichts mehr. Ich habe das schon sehr oft erlebt“, sagt Gehl. „Je lebenswerter eine Stadt ist, umso besser ist sie für die Wirtschaft“.

Die Wiener Zeitung hat Gehls Ansichten zu der Frage, wie Städte in menschenfreundliche Lebensräume umgewandelt werden können, in 8 Thesen dargestellt: „Wohnzimmer gestalten, nicht Korridore“, Wiener Zeitung, 1.7.2014

Immer wieder verweist Gehl auf seine Heimatstadt Kopenhagen, die vor 50 Jahren begann, den Autoverkehr wieder auf die Hauptstraßen zurückzudrängen. Inzwischen gilt die Stadt als eine der fahrrad- und fußgängerfreundlichsten Städte der Welt und sie hat gelernt, dass die Vorteile klar überwiegen. Die menschenfreundliche Politik, was den öffentlichen Raum und die Verkehrspolitik betrifft, wurde selbst von einem rechtsgerichteten Bürgermeister nicht mehr zurückgenommen, so sehr sei diese Art der Politik mittlerweile fest etabliert. Hier gebe es deswegen schon lange keinen Aufschrei mehr, „höchstens, wenn mal wieder ein paar Parkplätze weggenommen werden“. Dabei gibt es natürlich auch in Kopenhagen Autos. Es geht also auch abseits von „entweder oder“. Der Platz für fahrende und parkende Autos wurde allmählich verringert. Ebenso wurden Beschränkungen eingeführt, um sicherzugehen, dass sie langsamer fahren und an den wichtigen Plätzen nicht zu zahlreich sind. Über 100.000 m² Straßenfläche sind allein im Zentrum Kopenhagens autofrei – womit wir wieder an der Osterstraße wären.

Hier scheint nämlich schlicht zu fehlen, was Gehl zufolge unabdingbar für eine erfolgreiche Verkehrswende ist: Leute mit Visionen. Noch genauer: Politiker, Bürgermeister, Bezirkschefs mit Visionen. Haben wir nicht in Thorsten Sevecke sogar einen passionierten Fahrradfahrer als Bürgermeister vom Bezirk Eimsbüttel? Warum kommen dann keine Impulse von ihm? Weil er in der SPD ist? Weil er nicht „darf“? Weil er meint, dass sich das tolle Eimsbüttel nicht mit so „popeligen“ Städten wie Kopenhagen, Melbourne, New York, Wien, Zürich, Vancouver, Rom und Moskau messen lassen muss, die auch unter Gehls Hilfe erfolgreich dabei sind, sich zu transformieren? Dabei wohnt Herr Gehl gar nicht mal so weit entfernt. Könnte man ihn denn nicht mal einladen? Sich einen Rat holen?

Dabei muss man gar nicht unbedingt nach Kopenhagen schielen, wenn es auch an der Elbe so viele engagierte normale Bürger gibt, die teils visionäre Ideen haben. Viel darüber ist z.B. auf Next-Hamburg zu sehen, auch in der stadteigenen Stattwerkstatt   “Zufußgehen und Fahrradfahren sind Ausdrucksformen eines urbanen Lebenstils” in Stadtwerkstatt 4, Hamburgs mobile Zukunft [PDF Download, 804 KB] gibt es aufschlussreiches zu lesen. Und – ja, selbst an der Osterstraße haben viele Menschen ihre Ideen und Wünsche, von denen viele sogar sehr vorbildlich sind, zu Protokoll gegeben [PDF Download, 870 KB]. Ganz zu schweigen von all den Menschen, die die Petition für eine autofreie Osterstraße unterschrieben haben. Die Ignoranz, die die SPD an den Tag legt (siehe „Hamburg bald autofrei!“), ist nicht nur eine Riesenschweinerei – sie ist geradezu unerträglich und einer Stadt wie Hamburg absolut unwürdig! Die SPD scheint sich entschlossen zu haben, leider nur eine Partei von gestern zu sein.

Die GRÜNEN dagegen haben Jan Gehl offenbar für sich entdeckt. Im aufziehenden Wahlkampf versucht Till Steffen, seine Partei mit Gehls Thesen anzustecken, weil auch er meint, darin den Schlüssel für viele Probleme Hamburgs erkannt zu haben. Melbourne soll Hamburg als Vorbild dienen – 25.2.2014 Hamburger Abendblatt [€] Man darf gespannt sein, wie ernst es die GRÜNEN damit am Ende tatsächlich meinen, ob sich wirklich einiges ändern wird, es bei plumpen Rad- und-Schutzstreifen-auf-die-Fahrbahn-Malerei bleibt oder deutlich mehr dahinter steckt. Einen besseren Zeitpunkt als gerade jetzt, mit dem Umbau der Stadt tatkräftig zu beginnen, wird es wohl – wie Steffen es selbst erkannt hat und darlegt „Hamburgleben – von Kopenhagen lernen“ [PDF Download, 97 KB] , so schnell kaum wieder geben. „Osterstraße autofrei“ drückt jedenfalls alle Daumen.

Bis dahin muss sich Hamburg aber erstmal weiterhin mit der menschenfeindlichen Verkehrspolitik arrangieren, der gerade vorgestern wieder ein Mensch in Hamburg zum Opfer gefallen ist („LKW überrollt Radfahrerin“, BILD, 8.9.2014). Damit sind in dieser Stadt allein von Jahresbeginn an mindestens 13 Menschen auf unseren Straßen gestorben. In der dänischen Metropole dagegen werden z.B. Fußgängerwege mittels Schwelle durchgehend über Kreuzungen und Einmündungen gezogen, so dass Fußgänger und Radfahrer den Gehsteig nicht verlassen müssen, wenn sie die Kreuzung queren wollen. Was muss hier noch alles passieren, damit der Wind sich endlich dreht???

Vielleicht ist Gehl’s Idee ja gar nicht so schlecht, wenn er sagt: „Bauen Sie für die Menschen und Sie können alle Probleme lösen!“

 

 Mehr Informationen
Copenhagen’s Car-Free Streets & Slow-Speed Zones (7-Minuten Film, in denen Gehl und andere Kopenhagens autofreie Straßen vorstellen)

„The Human Scale“ – Wie soll man Städte bauen? Der Filmemacher Andreas Dalsgaard nimmt uns mit auf eine faszinierende Städtereise quer durch die Welt, von Kopenhagen nach Melbourne, Chongqing und Christchurch – auf den Spuren des dänischen Architekten Jan Gehl. 2012, DVD, 83 Minuten, OmU, Vorschau hier

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www.gehlarchitects.com

Bücher:
Städte für Menschen„, 2014, jovis Verlag
„Leben zwischen den Häusern“ (1971) , „Cities for People“ (2010), „How to study public life“ (2013)

Interviews mit Jan Gehl:
„Bauen für Menschen“ – fairkehr Magazin 6/2010„Gute Bedingungen zum Gehen und Rad fahren sind Voraussetzungen für einen guten Öffentlichen Verkehr“
– VCÖ Mobilität mit Zukunft, 2014
Stadt der Zukunft – Wien, 2014, sehr umfangreich und lesenswert, 12 Seiten [PDF Download, 165 KB]
„Die Menschen in Bewegung setzen“ – brandeins 12/2014

 

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Hier geht’s lang zum geplanten Event im September 2015

Welterster sein – in Hamburg

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„Der Schrei 2.0“ Jens Natter – http://www.bildernatter.com

Nein, dass muss keine Zukunftsträumerei sein – das muss Zukunftsrealität sein! Kopenhagen hat im letzten Jahr 33,5 Millionen Euro in den Radverkehr investiert – in Hamburg waren es nur schmale 5 Millionen. Hier muss der Wandel stattfinden! Helfen wir mit! Die Vorfahrt für das Auto muss endlich gebrochen werden. Jetzt! Heute noch unterzeichnen – wirklich, allerallerletzte Chance! – und Welterster sein im Umwandeln von Autostraßen in autofreie Zonen – zumindest in Hamburg Eimsbüttel. Dann Weltmeister sein.

GRÜNEN auf die Sprünge helfen

Heute morgen fand noch vor der Landesmitgliederversammlung ein SpitzenkandidatInnen Speed-Dating der GRÜNEN Hamburg in der Luise Schröder Schule in Altona statt.

Ein Mitstreiter, selbst GRÜNER, und ich hatten dabei die Gelegenheit, sowohl Katharina Fegebank, Jens Kerstan und Till Steffen mit unserem Projekt zu konfrontieren.

Insgesamt kam von allen ein recht positives Feedback, schließlich wollen die GRÜNEN ja auch, dass es zukünftig wieder mehr Platz für Menschen und weniger für Autos im Straßenraum gibt.

Eine Idee gut zu finden ist das eine, sich voll und ganz dafür einsetzen zu wollen allerdings das andere.

Katharina möchte die Idee nochmal mit in den entsprechenden Kreisverband nehmen und Till zeigte mir wunderschöne vorher/hinterher Bilder in einem tollen Buch – zu sehen waren belebte Fußgängerzonen.

„Und warum dann nicht die Osterstraße auch so?“
Das wäre ja schon mal ganz gut so, mit mehr Platz für Fußgängern und Radfahrern. Wohlgemerkt – die Fahrbahnen bleiben. Immerhin kann Till sich vorstellen, die Osterstraße temporär zu sperren, testweise, was man ja rückgängig machen könne, wenn es sich als falsch erweisen sollte. (Mopo am Sonntag, 6.7.2014) sowie weiterer NDR Bericht

Das ist mir einfach zu wenig!
Echte Begeisterung sieht anders aus!
Hallo GRÜNE! Heute hat die taz nord einen klasse Schwerpunkt zum Thema Fahrradfahren gebracht. „Von Kopenhagen lernen“, einer Stadt, die die Grundlagen für die Früchte, die sie heute erntet, bereits in den 70er Jahren gelegt hat. Bei 32% liegt der Anteil des Radverkehrs in der Ostseemetropole, in wenigen Jahren sollen 50% erreicht werden, weshalb hier weiterhin massive Energie in den Ausbau des Radwegenetzes gelegt wird. An der Elbe dagegen liegt der Anteil bei mickrigen 12%. Mit Schutzstreifen wird das alles nichts! Eher mit Visionen – „Sky Cycle“ nennt Star-Architekt Sir Norman Foster seine Zukunftsvision einer Fahrrad-Autobahn auf Stelzen in der Londoner City. (Wochenend-Print Ausgabe taz-nord)

Kopenhagen baut aber nicht nur Fahrradwege aus, sondern kontinuierlich auch autofreie Zonen in den der Innnenstadt. Waren 1962 „nur“ 15.800 m² autofrei, sind es seit 1995 mindestens 95.750 m² geworden. Auf der Karte sieht das so aus:

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Quelle: Reclaiming city streets for people

Und in Hamburg? Es gibt so viel, was energisch angegangen werden muss: In der Innenstadt – vom Gänsemarkt und alles rund um den Jungfernstieg, Große Bleichen, Neuer Wall. Die Lange Reihe in St. Georg ist ein ebenso heißer Kandidat für eine autofreie Zone, sie wird noch mehr umzingelt von großen Straßen als die Osterstraße. Urbane Zentren müssen wieder autofrei werden – „autofrei“, weil es Radverkehr nicht ausschließen muss. In Hamburg gibt’s ohne Ende zu tun!

Die GRÜNEN sollten begreifen, dass dieses Thema sehr wichtig ist. Es ist eine der größten Zukunftsaufgaben in den Stadt.
Ein Thema, welches zweifellos viel Kritik, Widerstand und Gejammer mit sich bringt. Welches aber auch das Potential hat, Kreativität und Innovation zu freizulegen. Hier ist DAS Thema – leicht verständlich für Jedermann und Frau, nicht so verwirrend wie TIPP und TISA und Fracking – und vor allem eines, von dem sich GRÜNE endlich mal wieder von allen anderen Parteien deutlich unterscheiden und abheben können!

Dazu gehört aber, klar und deutlich zu kommunizieren, wie die Zukunft aussehen soll. Da kann nicht um Parkplätze herum laviert werden und Schutzstreifen gar keine Option mehr sein. Autofahren unattraktiver zu gestalten ist dabei Programm und Ziel! Das wird hart in einem Autofahrerland. Genau darum braucht es aber Euch GRÜNE! Irgendwann können dann auch die Früchte geerntet werden – auch das macht Kopenhagen vor….

Ich denke, es ist vor allem eine Sache, wie es kommuniziert wird: Es soll ja NICHT VERBOTEN werden, Auto zu fahren. Es soll nur erreicht werden, dass dies bewusster – und somit deutlich weniger – geschieht. All die VORTEILE müssen an vorderster Front den Menschen verdeutlicht werden – und die gibt es wie Sand am Meer. Sich darüber tatsächlich mal sehr, sehr ernsthafte Gedanken zu machen und es vor allem auch der eigenen Wählerschaft als einen Großen Gewinn verkaufen zu können, sollte sich mehr als lohnen. Man muss es vielleicht ein wenig so sehen wie Robert Habeck nebenan – Umwelt- und stellvertretender Ministerpräsident in Schleswig Holstein, der es okay findet,  „sich mal ne Wurst zu gönnen und auch mal zu Aldi zu gehen“ Dürfen Grüne keine Ökos sein?, taz, 12. Juni 2014. Wer sagt denn, dass es nur mit „Abgehobener Lebensstil-Vorschreiberei gehen soll“?

Also – Hoch die Fahnen, auf in den Kampf!

 

Keine Parkplätze = Kunden weg?!

Citynahe Einkaufsstraße in Birmingham, England. April 2014, Foto: Kai Ammer
Citynahe Einkaufsstraße in Birmingham, England. April 2014, Foto: Kai Ammer

Nein! Das kann nicht sein.
Dennoch scheint genau dies die Größte Sorge der meisten Geschäftsinhaber sowohl an der Osterstraße als auch in den angrenzenden Straßen zu sein.

Ein Blick in andere europäische Städte hilft vielleicht dabei, Vorurteilen zumindest ein wenig entgegenzuwirken.
Gerade am Wochenende bin ich in Birmingham gewesen, zweitgrößte Stadt in England, knapp 1,1 Millionen Einwohner.

Selbst in die City angrenzenden Straßen gibt es vielerorts KEINE Parkplätze mehr. Dafür breite Fußwege und Radwege. Das obige Foto ist am Sonntag sehr früh entstanden; während der Öffnungszeiten ist es eine sehr stark von Passanten frequentierte Straße. So wie diese Straße sehen viele in Birmingham aus, auch in Quartieren, die nicht direkt in der Innenstadt sind. Trotzdem beleben überall Passanten und Kunden die Straßen, es gibt Geschäfte, Leben – alles da, aber wenige bis KEINE Parkplätze!

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Belebte Geschäftsstraße, ähnlich unserer Osterstraße - keine Parkplätze. Foto: Stefan Warda, http://www.hamburgize.blogspot.de
Kopenhagen, belebte Geschäftsstraßen, ähnlich unserer Osterstraße – keine Parkplätze. Fotos: Stefan Warda, http://www.hamburgize.blogspot.de
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Zum Vergleich – die Osterstraße – wenig Platz für Rad und Fuß, aber ohne Ende für rollende und stehende Blechlawinen… Foto: Stefan Warda – http://www.hamburgize.blogspot.de

Kopenhagen, die „weltbeste“ Fahrradstadt, geht noch viel konsequenter vor, um die Fortbewegung weg vom PKW und hin zum Rad- und ÖPNV gehen. Dabei werden in vielen Straßen – wohlgemerkt gerade auch in belebten Einkaufsstraßenehemalige Parkplatzstreifen auf beiden Seiten der Fahrbahn rigoros in extra breite Fahrradwege umgewandelt. Ein Prozess, der vor Jahren schon begann und weiter energisch vorangebracht wird. Auch hier zeigt sich schon auf Fotos, aufgenommen in einem Viertel, welches etwa ähnlich weit weg vom Kopenhagener Zentrum ist wie Eimsbüttel zum Rathausmarkt, dass es auch anders geht: Die Straßen sind extrem belebt, überall existieren Geschäfte, bei weitem nicht nur die großen Filialisten, sondern natürlich auch all die kleinen, inhabergeführten Läden.

Klar, Menschen sind bequem. Veränderung ruft immer Skepsis hervor. Aber jeder Geschäftsinhaber sollte sich mal – theoretisch gesehen – diese Gedankenspielerei durch den Kopf gehen lassen: Leute müssen einkaufen! Kleine, große Dinge, die des täglichen Bedarfs, sie müssen zum Friseur gehen, zum Bäcker, zur Bank, in den Supermarkt. Dann wollen sie gerne Essen und trinken.
Würden nun nicht nur an der Osterstraße, sondern in allen Straßen in Eimsbüttel alle Parkplätze entfernt werden, dann sind die Menschen im Quartier doch trotzdem alle noch da. Mit all ihren Bedürfnissen, Wünschen und Sorgen. Die würden doch nicht alle zum, sagen wir mal, Eppendorfer Markt, in die City oder nach Altona fahren, nur weil es hier keine Parkplätze mehr gäbe. Sie würden stattdessen nur anders kommen. Ohne Auto. Mit viel Platz und neuem, schönerem, zurückerobertem und gesünderem Lebensraum im Gepäck.
Seien Sie dabei und profitieren letztendlich auch Sie davon – als Geschäftsinhaber, Restaurantbesitzer und vor allem als Vorreiter in Hamburg. Für ein lebendiges Zentrum im Herzen Eimsbüttels!

 

Danke an Stefan Warda und seinem sehr informativen Blog hamburgize.com, dass er so freundlich ist und mir die Bilder aus Kopenhagen zur Verfügung gestellt hat.