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Für 50 Sekunden zurück in die Vergangenheit

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Vier Bäume mussten nicht wegen Bussen sterben, sondern wegen Autos.

Nun sind sie ab.
Vier Bäume, fast ein Jahrhundert gewachsen und gefallen in Minuten.
Für einige Sekunden, die Busse nun angeblich schneller ans Ziel kommen sollen. Protest der Anwohner und auch der Bezirksversammlung Eimsbüttel im Vorwege wurde einfach ignoriert. („Bäume abgeholzt – Protest ignoriert“, Elbe Wochenblatt, 16.11.2016 und „Ärger um gefällte Linden in Eimsbüttel“, NDR 90,3, 11.11.2016). Der Bushaltestelle der Station Goebenstraße, die nun um wenige Meter von der Gärtnerstraße über die Unnastraße ins Im Gehölz wechselt, stehen nun keine ‚lästigen‘ Bäume mehr im Wege. Dafür halten die Busse nun vor den Schlafzimmerfenstern der AnwohnerInnen im roten Eckhaus.

Während die Stadt Spendengelder sammelt und ihren BürgerInnen ins Gewissen redet, mit der Aktion „Mein Baum, meine Stadt“ aus guten Gründen neues Grün zu pflanzen, lässt sie gleichzeitig gnadenlos die Kettensägen ihr grausames Werk vollziehen. Mehr Ignoranz und mehr Verschaukelung der Wählerinnen und Wähler, die zu Recht frustriert der Politik den Rücken kehren, kann ein rotgrüner Senat mit einem grünen Umweltsenator kaum zeigen. Der oftmals ohnehin heftig kritisierten Busbeschleunigung, der dieses sinnlose Baummassaker zugute kommen soll, hat der Senat so wieder einen Bärendienst erwiesen.

Wer Busse beschleunigen will, wer also A sagt, muss auch B sagen können, nicht Aeinhalb. Denn was nützt einem Bus schon die Ersparnis von im Idealfall höchstens 50 Sekunden, sollte die Ampel vor der alten Haltestelle auf rot sein, wenn die so gewonnene Zeit hinter der Kreuzung gleich wieder verloren geht? Eben.

Ich bin erstaunt, in den vielen Presseberichten und ihren Reaktionen/Leserbriefen darauf eigentlich fast nirgendwo auf das gestoßen zu sein, was es  bräuchte, wenn man Busse wirklich beschleunigen will: Busspuren. So einfach ist’s.

Ich weiss, jetzt kommen sie alle, die sagen, das geht nicht. Weil diese Straße eine wichtige Straße ist, weil sie Ringstraße ist, weil die Leitungsfähigkeit eingeschränkt werden würde, weil die „Leichtigkeit“ des Verkehrs nicht mehr gegeben sei. Aber all das ist nicht der Fall.
Ich kenne die Gegend und wage zu behaupten, dass der weitaus überwiegende Anteil des Verkehrs auf diesem Streckenabschnitt deutlich weniger Wirtschaftsverkehr ist als es z.B. in der Fruchtallee der Fall ist. Das meiste, was hier unterwegs ist, ist eindeutig vermeidbarer Bequemlichkeitsverkehr von Privatfahrern.

Lasst uns weiterdenken: In der Grindelallee wurde zuletzt vorgemacht, dass man von zwei auf eine Spur für den MIV verengen kann. Selbst auf der Stresemannstraße, ebenso eine Bundesstraße, ist dies der Fall. Ausweichen der Autofahrer durch die Quartiere links und rechts ist sinnlos, da auch hier keine Zeitersparnis zu erwarten ist. Monatelang waren Teile der Gärtnerstraße nach dem Sielschaden nur einspurig befahrbar und auch heute, wo aufgrund der Busbeschleunigung gebaut wird, ist dies der Fall. Eimsbüttel und Hamburg haben und werden es überleben. („Dauerbaustelle Gärtnerstraße“, Eimsbütteler Nachrichten, 10.02.2016).

Und noch weiter: Wer sagt denn, dass die Leistungsfähigkeit nachlässt, nur weil MIV Autos nicht mehr ganz so schnell durchkommen? Was ist denn mit besagten Bussen, die man beschleunigen möchte und auf diese Weise auch wunderbar beschleunigen kann? Bis zur Kreuzung Fruchtallee geht’s ab jetzt am täglichen Stau vorbei, entspannt und schnell unterwegs zum Routenziel. Wenn gleichzeitig die Taktung dieser Linie weiter erhöht wird und so nochmals ein gleichzeitiger Mehrwert und eine attraktive Alternative zur Verengung der Autofahrspuren gegeben wird, ist alles vorhanden, Leute zum Umstieg zu bewegen. Und auch dies sei gesagt: Stau gibt es so oder so. Besonders in der Rushhour rund ums Hamburg Haus. Da macht es letztlich keinen Unterschied, in einer oder in zwei Reihen zu stehen. Damit wären wir beim letzten Punkt, der „Leichtigkeit“ des Verkehrs. Es muss nicht Aufgabe der Stadt sein, Probleme zu lösen, welche erst durch die Problemverursacher geschafft werden, indem sie meinen, halt im Stau stehen zu müssen. Es muss vielmehr die Aufgabe der Stadt sein, dafür Sorge zu tragen, dass gerade diejenigen, die umweltfreundlich unterwegs sind, ihr Ziel ohne ausgebremst zu werden erreichen zu können. Ganz nebenbei wäre dies der Weg, um Fahrrad, Fußgänger und öffentlichen Nahverkehr zu fördern, die Umwelt zu schützen, Luft sauber zu halten und Lärm zu reduzieren. Was hier passiert, ist schlimmer als das Gegenteil von allem.

Mit der Kampagne KURS FAHRRADSTADT haben wir genau diese Dinge im Blick. Wir möchten, dass Hamburg beginnt, Wege aus dem Verkehrsinfarkt zu finden, Wege in Richtung nachhaltige Mobilität einzuschlagen um vorbildliche Lösungen statt abschreckende Beispiele zu schaffen. Auf dem ersten Blick scheint es dabei nur um Radverkehr zu gehen. Doch dieser Gedanke trügt. Denn eine wirklich gute Fahrradstadt zu bauen erreicht nur der, der dabei genauso an Fußgänger und öffentlichen Nahverkehr denkt. KURS FAHRRADSTADT bedeutet, Verkehrs-, Umwelt- und Stadtentwicklungspolitik deutlich mehr zu verbinden, die Umwelt zu achten und Umbaumaßnahmen nicht kleinteilig abzuarbeiten, sondern als Großes und Ganzes zu betrachten. Die Zukunft im Blick, nicht die Vergangenheit. So fordert diese Kampagne eine klare Bevorzugung des Umweltverbundes.
Hier wäre die Gelegenheit dazu gewesen.

Über 800 Hamburgerinnen und Hamburger sehen es inzwischen genauso und haben die Kampagne KURS FAHRRADSTADT bereits unterzeichnet.
Wann unterzeichnest du?

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Am Ende bleibt nur die nackte Hauswand mit eindringlicher Mahnung über
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Von Wahlen und Weihnachten

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Wo sich hier die Massen tummeln ist klar: Auf der Fahrbahn!

Weihnachten steht vor der Tür, bald ist das Jahr gelaufen und um „Osterstraße autofrei!“ ist es in letzter Zeit recht ruhig geworden. Ersteres stimmt auf jeden Fall, Letzteres nur bedingt. Hinter den Kulissen wird weiter fleißig gewerkelt. Solange es Dinge gibt, die besser sind als das, wie es ist oder werden soll, werde ich weiter machen, das auch zumindest zur Sprache zu bringen. Veränderung zu wünschen bzw. vielleicht ja auch ein wenig zu bewirken, braucht Zeit und Ausdauer. Vor allem braucht es aber, weiter präsent zu sein. Das will ich tun – auch im nächsten Jahr.
Denn gute Gründe gibt es schließlich mehr als genug.

Da wäre zum Beispiel der Tag, an dem der gemeine Hamburger nach vier Jahren mal wieder ein kleines Wörtchen mitzureden hat. Der Tag, an dem der Scholzomat zumindest für einige Stunden mal genauer Hinhöhren und -sehen muss. In nicht einmal zwei Monaten ist es schon soweit und während sich unsereins durch fette Gänsebraten mampft, kann sich König Olaf entspannt zurücklehnen und sich über den bisher kaum wahrnehmbaren und müden Wahlkampf eigentlich nur freuen. Läuft alles glatt für ihn und die Seinen und kann er alleine weiter regieren, dürfen wir uns als Dankeschön sogar auf noch längere Zeiten gefasst machen, in denen wahrscheinlich in Sachen neuer Denke für Verkehr, Lebensqualität und Umweltbelange alles nur ähnlich schleppend und halbherzig voran geht wie bisher. Denn das nächste Mal wird dann erstmals nach fünf Jahren, 2020 wieder gewählt.
Also liebe Hamburger, wacht auf!!!

Wo bleiben eigentlich all die Radfahrer, die mehr Platz auf den Straßen für sich reklamieren? Critical Mass radeln mal eben 5000 mit, dumm nur, dass es keine Demo ist, wie ja selbst gesagt wird. „Wir blockieren nicht den Verkehr – wir sind der Verkehr!“. Spaß zu haben, ist das eine, klare, eindeutige Forderungen zu stellen aber etwas ganz anderes. Während die Kita-Erzieher und die Hamburger Elternschaft mit gerade mal 4000 Menschen bisher einmalig auf die Straße gingen und demonstrierten („25% mehr!“) und Sozialsenator Scheele sich tatsächlich zum Handeln genötigt fühlte (auch wenn es bisher nur Witzschrittchen sind), hört man von der immer größer werdenden Radlerfront eigentlich nix. Wäre ich Olaf, würde ich ‚An der Alster‘ auch alles schön 6-spurig lassen und mich nicht mit quengelnden Autofahrern herumstressen. Das macht er ja mit seiner Busbeschleunigung schon mehr als genug. Als nettes Beiwerk kommen hier und da ein paar Schutzstreifen an die Kreuzungen. Im adfc-Interview legt der Bürgermeister seine Sicht der Dinge dar. „Nicht immer nur reden, einfach machen!“ ist seine Devise und damit’s auch wirklich alle verstehen, verspricht er das. (adfc HH, 24.11.2014, „Machen!“) Gegen diese „versteckte Drohung“ scheint selbst der Chefsprecher vom Hamburger adfc nicht anzukommen. Das kann ja heiter werden.

Wenn man eine Kreuzung erneuert, sie „durchdesignt“, wird sie hinterher in aller Regel vor allem eines: Leistungsfähiger – in erster Linie für den motorisierten Verkehr. Einem Radler hat das, obwohl er offenbar den Regeln nach korrekt gefahren war, nichts genützt. (Mopo, 15.12.2014, „Vom LKW überrollt – Radfahrer stirbt“) Auf Hamburger Asphalt endete so schon das Leben des 11. Radfahrers allein in diesem Jahr. Trauriger Rekord.
Aber Protest?!? I wo…

Dabei gäbe es schon Möglichkeiten. Sensoren oder Videokameras, vorne am LKW montiert, die auf Menschen im Toten Winkel anschlagen, endlich per Gesetz als Nachrüstung vorzuschreiben. Zu teuer? Dann wenigstens die Aufstellfläche für Radfahrer mit reichlich Platz vor der Haltelinie der PKWs und LKWs – schön über die komplette Spur gezogen, zumindest auf der rechten. Das würde den Verkehr zwar verlangsamen, vor allem aber sicherer machen als an den Rand und in tote Winkel gequetschte Radfahrer.
Nur – ist da Jemand, der sich vorstellen könnte, das auch mal herbeizudemonstrieren? An der vergleichsweise kleinen Osterstraße könnte man das so machen. Wenigstens hier. Gerade jetzt. Endlich mal lernen.

Die GRÜNEN scheinen das diesmal zu tun. Blöd nur, dass man sich da Leute als Zugpferd nimmt, mit denen sie sonst wohl eher fast nichts am Hut haben. Weil der Bus flotter fahren soll und dafür leider, leider ein paar Parkplätze flöten gehen, zückten die Macher von „Unser Uhlenhorst“ und „Unser Mühlenkamp“ zur Sicherheit gleich die ganz große Keule: „Stoppt das Busbeschleunigungsprogramm“, deren gemeinsame Volksinitiative, schien keine Mühe zu haben, ratzfatz mehr als 20.000 Unterschriften zusammenzubekommen. (MOPO, 13.12.2014 „Stoppen Bürger Hamburgs Busbeschleunigungsprogramm?“ [€]) Das kann der Senat nicht einfach ignorieren, das muss er wenigstens offiziell zur Kenntnis nehmen und Stellung beziehen. Scholz entscheidet sich erstmal konsequenterweise für’s einfach Weitermachen, obwohl inzwischen offenbar klar ist, dass das Programm in den nächsten Jahren deutlich abgespeckt bzw. ganz eingestellt wird, weil schlicht keine Haushaltsmittel mehr zur Verfügung stehen oder besser – eine Weiterführung über das Jahr 2016 hinaus nicht mehr gewollt ist. Die GRÜNEN, die endlich mal wieder eine Möglichkeit sehen, ihre Straßenbahn aus der Schublade zu ziehen, springen dankbar auf die 20.000 auf und bekommen sich auch noch selbst in die Flocken (Hamburger Abendblatt, 13.11.2014 „Stopp  der Busbeschleunigung entzweit die Grünen“). Schlauer wäre sicher anderes: Aus eigener Kraft Stimmung zu machen. FÜR eine Straßenbahn, z.B.. Oder: Gegen die Busbeschleunigung – im Lichte von „Unsere Uhlenhorst“ aber sicher eher ein Spiel mit dem Feuer… Dann doch lieber faire Schoki naschen.
Mutig ist das alles nicht.

Schauen wir noch einmal auf die Osterstraße. In 3 Monaten hatte ich keine 20.000 zusammen, aber immerhin über 500. Allerdings – das muss ich schon zugeben – ist das Anliegen (leider noch) nicht so massenkompatibel wie Parkplätze zu schützen und freie Fahrt für freie (Auto)Bürger. Trotzdem ist eine Menge erreicht. „Osterstraße autofrei!“ ist zumindest in Eimsbüttel ganz gut rum gekommen, war im Gespräch, in den Medien und ist auf der letzten (dritten) Informationsveranstaltung des Bezirksamts in der dort gezeigten Präsentation sogar quasi namentlich genannt worden. Dahinter steht, als einziges in rot: „NEIN“.
Ansporn genug, sich nicht auf die faule Haut zu legen. (Präsentation vom 28.10.2014/Hamburg.de/Contentblob – Seite 23)

Im nächsten Jahr soll es ein neues, zweites Straßenfest auf der Osterstraße geben. Natürlich steht es unter ganz anderen Sternen als das bekannte Volksfest im Frühsommer. Daran arbeiten wir bereits. Wir, das sind neben mir auch etwa 5 Leute, die sich zusammengefunden haben, um dieses Projekt gemeinsam mit professioneller Hilfe Wirklichkeit werden zu lassen. Es wird einiges auf uns zu kommen und wir sprudeln über vor Ideen. Wir wünschen es uns und ich hoffe sehr, dass wir es auch tatsächlich schaffen werden und nicht auf halber Strecke die Segel streichen müssen. Später werden wir auch auf tatkräftige Hilfe von möglichst vielen angewiesen sein. Lasst uns zeigen, was alles auf dem linken Alsterufer steckt – und Eimsbüttel geht voran…

Erstmal aber: Runterkommen. Ab auf die Straße und den Weihnachtsmarkt. Davon gibt es ja jetzt sogar zwei im Viertel. Der neue an der Apostelkirche scheint sogar ganz gut angenommen zu werden. Ich höre von vielen, dass sie es so viel entspannter finden, hier hin zu gehen, weil er nicht ganz so brechend voll ist wie der an der Osterstraße. Weil auf jeden Einzelnen Besucher viel mehr Platz kommt. Auf dem Fanny-Mendelssohn-Platz muss dagegen weiter gekuschelt werden. Der Freiraum liegt leider nebenan, auf den Fahrbahnen. Noch….

Vielen Dank Euch allen für die Unterstützung der Petition und für Euer Interesse. Ich werde mein Bestes geben, Euch auch in Zukunft mit Interessantem rund um die Osterstraße, Stadtentwicklung, Hamburger Verkehrs- und Fahrradpolitik zu versorgen. Vor einigen Personen und Organisationen mach ich artig einen Knicks und bitte um Nachsehen, sollte ich mal ein wenig zu doll auf die Palme gegangen sein. Ich bemühe mich, fair zu sein, doch manchmal geht’s nicht anders und braucht es Klartext  😉

Allen zusammen wünsche ich – auch im Namen aller vom „Team Osterstraße autofrei!“ – fröhliche Weihnachten und ein besinnliches Fest!

Auf ein neues, spannendes Jahr mit der autofreien Osterstraße!
Kommt‘ gut rein!

Kai