Bummler stechen Radler aus

Wenn's dunkel ist, fast autofrei...
Wenn’s dunkel ist, fast autofrei…

Zuletzt gab es jeweils zwei Informationsveranstaltungen, eine für die Gewerbetreibenden und eine für die“Öffentlichkeit“. Zumindest die letzte Zusammenkunft für die Geschäftsleute war aufgrund des leider erschreckenden Desinteresses und nur sehr wenigen erschienenen Geschäftsleuten eine müde Schnarchveranstaltung die mehr dem Selbst-Entertainment des Podiums diente. In Zeiten knapper Kassen hat der Bezirk dieses Privileg diesmal abgeschafft und nur noch einen Termin für alle gesetzt. Also begab sich die interessierte Eimsbüttelschaft letzte Woche schon das dritte Mal ins Hamburg Haus, um zu erfahren, was für Schönheit aus 7 Millionen Euro entstehen soll. Bei der vorgestellten Planung handelt es sich noch nicht um die Endfassung, allerdings ist wohl nur noch mit wenigen eher kleinen Änderungen zu rechnen, wenn es überhaupt zu welchen kommen sollte.

„Schönheit“ ist, auch wenn man über Geschmack bekanntlich streiten kann,  ein recht guter Ausdruck für das, was der Bezirk an der Osterstraße vorhat – im Gegensatz zu Begriffen wie „Vernunft“, „durchdacht“ oder „nachhaltig“.

„Schön“ wird es in Zukunft für alle, die zu Fuß unterwegs sind – sie bekommen etwa 3000 m² mehr Platz  als bisher. Wo es sich bald gut bummeln lässt, müssen die Radfahrer weg – sie kommen auf die Straße und dürfen sich dank diverser Stellen vor allem zwischen Heußweg und Methfesselstraße, an denen es nicht einmal mehr Schutzstreifen gibt, mit den Autos um den verbliebenen Platz zoffen. Neu ist noch, dass das „Betrachtungsgebiet“ ein wenig vergrößert wurde und sich auch das Stückchen Heußweg bis zur Ecke Stellinger Weg über neue Schönheit (Kreisel) freuen kann. Das Beste: Die Hälfte der Parkplätze wird mal eben abgeschafft.

„Osterstraße autofrei!“ hat das Ziel, die Lebensqualität dieser Straße und somit Eimsbüttels insgesamt deutlich zu stärken, so gesehen ist erstmal alles, was dem Menschen wieder mehr Platz gibt, ein Schritt in die richtige Richtung. Die Vision ist allerdings eine andere und darum gibt es natürlich auch jetzt wieder eine ganze Menge Dinge, für die einige Leute lieber noch einmal ihren Kopf benutzen sollten statt gleich zum Bagger zu greifen.

Tatsächlich bekommen wir es, wie es schon auf der letzten Info-Veranstaltung angekündigt wurde, mit tollen „Griffelpflastersteinmittelstreifen“ zu tun, die das Überqueren der Straße deutlich vereinfachen sollen. Immerhin zählten die Planer an mehreren Stellen bis zu 200 Fußgängerüberquerungen pro Stunde außerhalb der Ampelbereiche (Präsentation zweite Informationsveranstaltung vom 3.7.2014 – Seite 65) . Die Mittelstreifen werden nun dort eingeplant, wo die Straße verbreitert werden kann. An anderen Stellen wird die Straße verengt und dadurch eine Querungshilfe erreicht. Für Autos entsteht so ein „Rhythmus“, denn sie müssen schlängelnd durch die Straße manövrieren. Soweit so gut.

Human zu planen, heißt aber auch, nicht nur  an junge und knackige Mitbürger im besten Alter zu denken, sondern auch an die, die mit der schnellen Welt um uns herum nicht so klar kommen. Human zu planen, sollte heißen, auch an Kinder und alte Menschen zu denken. Gerade die Mittelstreifen werden, erst recht wenn tausende Leute sie nutzen werden, für Kinder zur Gefahr. Sie werden wahrscheinlich dazu verleitet, die Fahrbahn noch eher zu betreten als es heute der Fall ist. Will man als Eltern den verkehrserzieherischen Verpflichtungn nachkommen, bleibt, wie alten Menschen wahrscheinlich auch, nur der diskriminierende Umweg zur nächsten Ampel.

Ein oder zwei zusätzliche Bedarfsfußgängerampeln (die dann aber auch pronto umspringen!) in den Straßenabschnitten (und Zebrastreifen dort, wo der Bus nicht mehr fährt) würden die Sache ganz schnell ganz anders aussehen lassen: Autos MÜSSEN hier halten, einen sichereren Überweg gibt es nicht. Für den Bus wird ein Busbeschleuniungssensor angebracht. Geht ja gerade überall woanders auch…

Frau Piening vom Bezirksamt antwortete auf meinen entsprechenden Hinweis dass man ja eben an die Fahrbahnverengungen gehen könne, wo man alles überblicken könne. Mit Theorie und Praxis ist das aber immer so eine Sache. Eine konkrete Antwort zu meinen Bedenken schon mal gleich gar nicht.

Der Taxistand kommt in den Heußweg gegenüber von Karstadt und Stadtradstationen dafür vor den Wurstgrill sowie an die Bushalte Schulweg. Ansonsten kommen schicke neue Bänke und Gehwegsteine in schöner Optik samt neuen trapezartigen Einfassungen um die Bäume, auf denen man, das wurde nicht so ganz klar, eventuell auch sitzen kann. Keine Frage – der Fußgänger ist, als der am häufigsten dort vorkommende Verkehrsteilnehmer, auf jeden Fall ein Gewinner. 

Die Pseudoverlierer Autofahrer büßen zwar ein wenig Platz ein und müssen diesen noch dazu mit den Radfahrern teilen, aber da sie ja mit Knautschzone und oftmals einem ganz anderem Selbstverständnis unterwegs sind dürfte klar sein, wer, trotz auf dem ersten Blick besserer Konditionen, die wahren Verlierer sein dürften: Alle diejenigen, die sich mit dem Rad bewegen. Nicht einmal durchgängige Schutzstreifen gibt es, Fahrradstreifen schon mal gleich nirgends. Dafür wird an allen Kreuzungen bis auf an der Methfesselstraße das indirekte Abbiegen eingeführt. Radfahrer brauchen also, wenn sie regelkonform abbiegen wollen, doppelt so viel Zeit wie Autofahrer und doppelt soviel Zeit als heute, wenn sie auf der Straße fahren. Das mag an großen Straßen vielleicht ganz sinnvoll sein, aber hey, dies ist nur die Osterstraße! Warum nicht den Radfahrer-Halteplatz komplett durchgezogen vor der Haltelinie der PKW’s – an Kreuzungen wie Hellkamp oder Schwenckestraße?!? Warum sagt keiner was? Wo bleibt der Aufschrei? Wollten die GRÜNEN nicht kämpfen, wenigstens für’s Rad, ein bißchen? Und ADFC schluckt nur mal kurz? Warum geht dieser „Skandal“ eigentlich nicht durch die Presse? Ist euch denn all dies plötzlich egal? Und das, obwohl der Wahlkampf beginnt?!

Das ist noch immer nicht alles, schließlich wird die Osterstraße in Zukunft sogar grüner werden. 3 Fällungen sind unvermeidlich, dafür denken die Planer aber tatsächlich auch einmal nachhaltig, denn bis zu 40 Bäume werden neu gepflanzt, ein großer Teil davon gleich auf die bisweilen sogar begrünten Mittelstreifen.

Was soll man nun davon halten?
Es wird sich zeigen müssen, wie sich diese „Designer-Straße“, die eigentlich keine solche sein will, nach dem Umbau in der Praxis bewähren wird. Es ist klar, dass diese Straße in Zukunft nicht mehr die gleichen (KFZ) Verkehrsmengen aufnehmen kann wie früher, dafür sorgt die Verlangsamung durch all die fleißig querenden Fußgänger und die verengten Stellen schon ganz von alleine – das ist auch gewollt. Die heutige Durchschnittsgeschwindigkeit, die bei etwa 40 Km/h liegt, dürfte sich noch mehr in Richtung Tempo 30 verschieben. Sehr kritisch dürfte es aber werden, wenn Lieferfahrzeuge oder Wildparker meinen, sich auf die Radschutzstreifen stellen zu müssen. Dann wird es richtig eng und der Kampf beginnt. Rechts ein LKW, kurz davor donnert gerade jemand die Autotür beinahe an die Rübe und in der Gegenrichtung steckt der Bus fest. Da steckt die geballte Ladung Konfliktpotenzial drinnen,  brauchen vor allem Radler ordentlich Nerven…

Sehr interessant jedenfalls ist die Tatsache, auf wie wenig Widerstand die geplante Halbierung der Parkplätze an der Osterstraße gestoßen ist. Die Planer – und auch das Amt – scheinen immerhin erkannt zu haben, worauf es in Zukunft vor allem ankommt, nur trauen sie sich einfach nicht (vielleicht dürfen sie auch noch nicht), den Weg konsequent zu Ende zu denken und zu gehen. Sollte es zu großes Konfliktpotential nach dem Umbau geben und deshalb nachgebessert werden müssen, wird es nur sehr schwer politisch vermittelbar sein, warum ausgerechnet an dieser Straße der den Fußgängern gerade neu gegebene Platz gleich wieder abgeknappst werden sollte. Da geht’s dann anderen platzmäßig an die Gurgel. Auf wundersame Weise wird sich auch dann noch irgendwo in Milliönchen auftun, um damit dann das einzig Richtige zu tun.

Denn „Osterstraße autofrei!“ war und ist die beste Alternative für Eimsbüttel, für Fußgänger UND Radfahrer, für die es sich lohnt sich weiter und offensiv einzusetzen! Neue, schöne und Schatten bringende Bäume sind ja dann schon in weiser Vorhersehung in die Mitte der dann autofreien Zone gepflanzt worden……

 

Die ganze Präsentation der letzten Informationsveranstaltung inklusive der Vorentwurfspläne gibt es hier vom Bezirksamt Eimsbüttel.

Einen recht ausführlichen Bericht über die Versammlung gab es in den Eimsbütteler Nachrichten („Osterstraße mit Rhythmus“, 29.10.2014)

 

 

 

 

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s